Ute Holst bei der Suedlese: “Wo ist Hannelore”

Heute habe ich für euch wieder eine Geschichte, die bei der Suedlese präsentiert worden ist. Ute Holst war so nett und hat mir ihre Geschichte “Wo ist Hannelore” zur Verfügung gestellt. Wie bei anderen Texten auch, habe ich auch eine PDF-Version im Tab Lesestoff eingestellt:

Wo ist Hannelore
Ute.Holst@geschichtenkorb.de

Schlecht gelaunt machte Karola sich auf den Weg zur Arbeit. Sie hatte alles so satt…..
Ihr eifersüchtiger Ehemann war seit mehr als einem Jahr arbeitslos und sein zu-nehmender Alkoholkonsum machte ihr Sorgen. Außerdem hatte sie in den letzten Wochen mit Übelkeit zu kämpfen und sie befürchtete schwanger zu sein. Dieser Gedanke beunruhigte sie zutiefst, ein Kind konnten sie sich in ihrer momentanen Situation nun wirklich nicht leisten. Wie würde ihr Mann darauf reagieren?
Im Geschäft angekommen wurde Karola Zeugin einer Auseinandersetzung zwi-schen Ihrem Chef und einer jungen Kollegin, einer Aushilfskraft. Diese verließ den Laden mit den Worten: „ich kündige und zwar fristlos!“ Karola hatte den Verdacht, dass der Filialleiter den jungen Frauen nachstellte, aber sie tat so als hätte sie nichts bemerkt. Rasch stellte sie Schuhe in die Regale zurück, die die Kunden achtlos hatten stehen lassen. Mehrere Menschen betraten das Schuhgeschäft und betrachteten prüfend das Angebot. Mütter mit quengelnden Kindern und alte Männer mit mürrischen Gesichtern kamen und gingen ohne etwas zu kaufen. Kichernde Teenager hielten Karola mit Sonderwünschen in Schach und gingen laut lachend hinaus.
Als Karola sich wegen einer leichten Kreislaufschwäche für einen Moment hinter den Verkaufstresen setzte kam ihr Chef, Herrn Frank, um die Ecke gestürmt und fuhr sie barsch an: „was ist denn hier los, ich bezahle sie doch nicht fürs herumsitzen. Kümmern sie sich gefälligst darum das die Kunden auch etwas kaufen. Mein Geschäft ist doch keine Wärmstube!“
Karola unterdrückte die aufkommende Übelkeit und ging auf eine junge Frau zu, die gerade herein gekommen war. Sie zwang sie zu einem Lächeln: „Guten Tag, wie kann ich ihnen helfen?“ Schüchtern kam die Antwort: „ ich brauche dringend ein paar Winterstiefel, aber…..“ und nach einem Moment des Zögerns: „haben sie vielleicht schon reduzierte Ware?“ Die Kundin hielt den Blick gesenkt als Karola erwiderte: „sie haben Glück, wir haben noch einige Paare aus dem letzten Jahr. Die sind schon stark reduziert, wenn sie hier mal schauen mögen….“ Die Kundin fand schnell ein Paar Stiefel das ihr gefiel und probierte sie an. Ihren linken Fuß zog sie erschrocken zurück und als sie den Stiefel schüttelte fiel ein zusammengefaltetes Stück Papier heraus. Sie hob es auf und sagte zu Karola: „gucken sie mal was ich gefunden habe.“ Die Verkäuferin faltete das Papier auseinander und staunte. Es handelte sich um ein vergilbtes schwarz-weiß Foto auf dem zwei kleine Mädchen in Sommerkleidern abgebildet waren. Auf der Rückseite stand: 2. August 1953, Hannelore 2 Jahre. Verwundert sahen sich die beiden Frauen an, konnten sich den Fund aber nicht erklären.
Nachdem die Kundin ihre Ware bezahlt hatte, zeigte Karola das Foto Herrn Frank. Mit den Worten: „werfen sie den Plunder in den Müll“ wandte er sich wieder seinem Computer zu. Satt den Anweisungen ihres Chefs zu folgen steckte Karola das Bild in ihre Handtasche. Viele Fragen beschäftigten sie, wer mochte die Aufnahme in den Stiefel gesteckt haben und warum? War es der Hilferuf eines einsamen Menschen, der über diesen Weg Kontakt suchte? Oder handelte es sich bei Hannelore um ein Kind das Opfer eines Verbrechens geworden war? Was wenn Opfer und Täter sich gekannt hatten? Oft plagte die Täter ja nach Jahren noch das Gewissen….. Oder hatte die Mutter ihr Kind aus irgendeinem Grund verlassen? Karola hatte in der Zeitung über solche Fälle gelesen. Würde sie den wahren Grund jemals erfahren?
Wieder musste sie daran denken, dass sie selbst möglicherweise schwanger war. Furcht überkam sie bei dem Gedanken wie ihr Mann auf diese Nachricht reagieren würde.

In den darauffolgenden Tagen beobachtete Karola das Treiben im Laden und vor dem Schau-fenster besonders aufmerksam. Sie bemerkte eine alte Frau, die immer dann den Laden betrat wenn sich gerade mehrere Kunden dort aufhielten. Prüfend sah sie sich bei den Winterstiefeln um.
Sobald sich der Laden jedoch leerte verschwand die Frau schnell. So ging es einige Male und Karola fasste einen Entschluss. Sie zog sich hinter den Vorhang zum Pausenraum zurück und behielt den Geschäftsraum durch einen schmalen Schlitz im Auge. Als die Frau wieder erschien, betrat Karola blitzschnell den Verkaufsraum und sprach sie an. Nach ihren Wünschen befragt stotterte die Alte: „ich wollte mich nur einmal umsehen…..“. „Sie waren doch schon öfter hier, ich habe den Eindruck, dass sie etwas ganz bestimmtes suchen“. „Ja, eh nein“, die Kundin senkte den Kopf, „ich kann nicht darüber reden.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen, aber Karola konnte nicht darauf eingehen, sie spürte die bohrenden Blicke ihres Chefs im Rücken. An die Kundin gewandt sagte sie: „kommen sie gerne wieder wenn sie die Schuhgröße ihrer Tochter wissen, ich bin sicher dass wir dann etwas passendes finden.“ Die Frau verließ den Laden und der Filialleiter kehrte kopfschüttelnd in sein Büro zurück.
Am nächsten Tag stand die Seniorin kurz vor Ladenschluss vor dem Schaufenster und wartete.
Als Herr Frank sie sah stieß er wütend hervor: „was will die denn schon wieder hier, die hält sie doch nur von der Arbeit ab!“ Forsch ging er zur Ladentür und verriegelte sie demonstrativ. Karola verließ ihre Arbeitsstätte und gab der Alten unauffällig ein Zeichen ihr zu folgen. Ungeduldig sprach sie die Frau an: „Was ist denn bloß los, mein Chef macht mir Vorwürfe weil sie so oft ins Geschäft kommen ohne etwas zu kaufen. Und zuhause wartet mein eifersüchtiger Mann. Wir kennen uns doch gar nicht, was wollen sie von mir?“ Erschrocken riss die Alte die Augen auf: „entschuldigen sie, ich dachte sie hätten vielleicht das Bild gefunden….“ „Ich arbeite in einem Schuhgeschäft, das wissen sie doch, wovon reden sie…….?“ Mit Tränen in den Augen wandte sich die Frau ab und schlurfte davon.
Im Bus überkam Karola erneut starke Übelkeit und sie kramte in ihrer Handtasche nach einem Kaugummi. Bei ihrer Suche stieß sie auf das Foto mit den beiden kleinen Mädchen und plötzlich schoss ihr der Gedanke durch den Kopf ob die Seniorin dieses Bild gemeint haben könnte. Hoffentlich würde sie die Frau noch einmal wiedersehen…….
Zuhause war wieder einmal schlechte Stimmung, Karolas Mann hatte seinen Frust über eine abgelehnte Bewerbung in Alkohol ertränkt. Wie lange konnte sie das alles noch ertragen? Sie stürzte ins Badezimmer und erbrach sich. „Was ist eigentlich los mit dir, wieso kotzt du denn in letzter Zeit so oft, bist du etwa schwanger? Du weißt doch, dass wir uns ein Kind nicht leisten können….. Von mir kann das Balg jedenfalls nicht sein, ich habe schließlich immer Rücksicht genommen. Also, mit wem hast du es getrieben?“ brüllte er, „ich bringe den Kerl um und dich und das Gör dazu!“ Mit einem lauten Knall fiel die Wohnungstür ins Schloss und Karola war allein. Sie ging in ihr Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken, die Drohung ihrer Mannes ließ sie nicht los.

Einige Tage später sah Karola die Seniorin wieder am Schaufenster vorbei huschen und einen scheuen Blick in den Laden werfen. Am Abend stand sie dann nahe dem Ausgang, der zu Karolas Bushaltestelle führte. Die beiden Frauen grüßten sich mit einem Kopfnicken, aber ohne ein Wort zu wechseln. In der Woche darauf trafen sie sich zufällig während Karolas Mittagspause. Karola bezweifelte, dass es wirklich ein Zufall war, aber es war ihr ganz recht und sie hoffte auf ein klärendes Gespräch. Wie selbstverständlich gingen sie gemeinsam in ein Stehcafé und standen sich bei einer Tasse Kaffee gegenüber. „Bitte erzählen sie mir was es mit der Fotografie auf sich hat“, bat Karola. „Haben sie das Foto mit den beiden Mädchen in den Stiefel gesteckt?“, fragte Karola direkt. Ihr Gegenüber hielt den Kopf gesenkt und nickte leicht: „ja, das war ich, ich bin so verzweifelt und ich habe keine Ahnung an wen ich mich wenden soll.“ Karolas Neugierde war geweckt: „haben sie Hannelore gekannt?“. Tränen rannen der Frau über das runzlige Gesicht: „Hannelore ist meine Tochter, ich habe sie verloren……!“
Vor Schreck blieb Karola der Mund offen stehen: „wie konnte das geschehen“, fragte sie schockiert. Mit einem hastigen Blick auf die Armbanduhr stellte sie fest, dass ihre Mittagspause schon wieder zu Ende ging. Hastig trank sie den letzten Schluck Kaffee: „bitte kommen sie in den nächsten Tagen nach Ladenschluss, ich würde mich gerne mit ihnen unterhalten.“ Ohne eine Antwort abzuwarten rannte sie zurück zum Schuhgeschäft, wo ihr Vorgesetzter demonstrativ auf die Uhr sah. Nun musste sie nur noch einen Grund finden um sich mit der Frau nach Feierabend treffen zu können.
Der Zufall kam ihr zu Hilfe. Ihr Mann war zu einer Woche Probearbeit eingeladen worden, man hatte ihn für die Spätschicht eingeteilt. Das traf sich gut, nun konnte Karola nur hoffen, dass es in dieser Woche zu einem Treffen mit der Besitzerin des Fotos kam.
Tatsächlich wartete die Frau am darauffolgenden Tag am vereinbarten Treffpunkt. Gemeinsam gingen sie in eine nahegelegene Kneipe und setzten sich an einen Tisch in einer schummrigen Ecke. Sofort platzte es aus der Frau heraus: „ich bin Hilde und Hannelore ist meine Tochter. Kurz nachdem das Foto gemacht wurde musste ich Hannelore zur Adoption frei geben“ Sie schluchzte und wischte sich die Tränen vom Gesicht. Als sie Karolas fragenden Blick sah fuhr sie fort: „mein Mann war nicht der Vater von Hannelore. Kurz nach unserer Hochzeit wurde er zum Heer eingezogen und schon bald bekam ich die Nachricht, dass er verwundet und in russische Gefangenschaft geraten sei. Mehrere Jahre hatte ich keinerlei Nachricht von ihm und ich wußte nicht ob er überhaupt noch lebt.“ Tröstend legte Karola ihren Arm um die Schulter ihrer weinenden
Gesprächspartnerin. „So wie mir ging es vielen Frauen. Eines Tages lernte ich dann Herbert kennen, er war Handwerker und ging von Tür zu Tür und fragte nach Arbeit. Auch bei mir gab es einiges zu tun und so kamen wir ins Gespräch und wurden schließlich ein Paar.“ Gespannt lauschte Karola der Erzählung und Hilde berichtete weiter: „schon bald merke ich, dass ich schwanger war und Herbert schlug vor zu heiraten. Aber ich war ja schon verheiratet und ich hätte es nicht übers Herz gebracht meinen Ehemann für tot erklären zu lassen. Ein Schwangerschaftsabbruch kam für mich aber auch nicht in Frage.“ Tränen rannen ihr übers Gesicht und auch Karola war kurz davor zu weinen. „Die Verbindung zu Herbert war keine Liebes-
beziehung sondern eher eine Notgemeinschaft, aber trotzdem haben wir uns auf das Baby gefreut.
Eine Beziehung wie unsere wurde früher im Volksmund Onkelehe genannt.“ Karola starrte Hilde ungläubig an: „das Wort habe ich noch nie gehört, was bedeutet das?“ Hilde nickte „ursprünglich wurde der Begriff Onkelehe für das eheähnliche Zusammenleben einer Witwe und ihren Kindern mit einem Mann bezeichnet, den sie aus wirtschaftlichen Gründen nicht heiraten wollte. Durch eine erneute Heirat hätte sie ihren Anspruch auf Witwenrente verloren und die Kinder mussten den Mann mit Onkel und seinem Vornamen ansprechen. Nach dem Krieg wurde diese Bezeichnung für alle Paare übernommen, die ohne Trauschein zusammen lebten.“ Wieder schwieg Hilde eine Weile bevor sie ihren Bericht fortsetzte: „ Kurz nachdem wir Hannelores zweiten Geburtstag gefeiert hatten, stand völlig unerwartet mein Ehemann vor der Tür. Niemand hatte mich von seiner Entlassung aus der Gefangenschaft unterrichtet.“ Sie nahm einen Schluck Wasser und erzählte weiter: „Herbert hat sofort seine Sachen gepackt und ist gegangen, er wollte unseren Glück nicht im Wege stehen.“ Von Schluchzern geschüttelt fuhr Hilde fort: „mein Mann hat mir keine Vorwürfe gemacht und er hat versucht Hannelore zu akzeptieren, aber er konnte es nicht. Nächtelang haben wir nach einer Lösung gesucht……“ Mit zitternden Fingern führte Hilde ihr Glas an den Mund und trank ein paar hastige Schlucke: „wir kamen zu der Überzeugung, dass wir jung genug wären um noch eigene Kinder zu bekommen. Hannelore sollte eine unbeschwerte Kindheit verleben, sie sollte sich geliebt fühlen…..“ Voller Spannung wartete Karola auf die Fortsetzung: „Schweren Herzens habe ich der Freigabe zur Adoption zugestimmt, es war der schwerste Tag meines Lebens! Ich durfte nie erfahren in welche Familie Hannelore gekommen ist.“ Nach einem lauten Seufzer nahm Hilde ihre Erzählung wieder auf: „leider haben wir doch keine Kinder mehr bekommen und nun ist mein Mann verstorben. Bis zuletzt hat er bereut, dass er Hannelore nicht lieben konnte und dass er mich überredet hat sie weg zu geben.“ Nachdem sie kräftig geschluckt und sich das Gesicht getrocknet hatte flüsterte Hilde: „nun bin ich also ganz allein und ich wüsste so gerne was aus Hannelore geworden ist. Ich würde alles dafür geben wenn ich sie um Verzeihung bitten könnte. Das einzige was mir geblieben ist, ist die besagte Fotografie, ich weiß nicht was ich tun soll…….“
Karola dachte eine Weile nach bevor sie einen Vorschlag machte: „Hilde, ich danke dir für dein Vertrauen, deine Geschichte hat mich sehr berührt und ich würde dir wirklich gerne helfen. Wäre es denkbar für dich mit deinem Bericht an die Öffentlichkeit zu gehen? Vielleicht erinnert sich jemand wenn er darüber in der Zeitung liest. Denk doch bitte mal darüber nach und lass es mich wissen, du weißt ja wo du mich findest. Mit einer herzlichen Umarmung verabschiedeten sich die beiden Frauen. Karola wollte auf jeden Fall vor ihrem Mann zuhause sein.
Noch lange musste sie an Hildes Erzählung denken, wie würde ihre eigene Zukunft aussehen? Ihr Mann hatte damit gedroht ihr und ihrem Kind etwas anzutun. Sollte sie das Risiko auf sich nehmen oder sollte sie sich von ihm trennen?
Wenige Tage später erlitt Karola eine Fehlgeburt und sie wußte nicht ob sie traurig oder erleichtert sein sollte……
Aber ein Gedanke ließ sie nicht mehr los: Wo ist Hannelore?

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