Heide Marie-Preuss: “Tiger”

Im Moment füllt sich mein Geschichtenkorb wunderbar mit schönen neuen Geschichten. Heide Marie-Preuss hat mir eine weitere Geschichte für meine Samlung zur Verfügung gestellt. Vielen Dank! Es handelt sich um eine sehr schöne Geschichte in der es um ein Stofftier Names “Tiger” geht. Mehr möchte ich aber an dieser Stelle nicht verraten. Lest selber. Ich wünsch euch viel Spaß dabei! Wie bei anderen Texten auch, habe ich auch eine PDF-Version im Tab Lesestoff eingestellt:

Tiger
Heide_Marie-Preuss@geschichtenkorb.de

Nicht gefragt, ist er mit, kann sich nicht wehren, wird unter den Arm geklemmt, später unter der Jacke versteckt. Er gibt keinen Mucks von sich und macht sich dünn. Dann zeigt man ihm seinen Schlafplatz und deckt ihn mit einem Laken zu.
In der Nacht kriecht man dicht an ihn heran und nimmt ihn in die Arme. Das fühlt sich vertraut an und lässt ihn für einen Moment einschlafen.
Dann wacht er auf. Ein kleiner dunkelhaariger Junge liegt neben ihm. Er schaut ihn an und sieht in dem schwachen Lichtschein schön geschwungene fast schwarze Augenbrauen, hohe Wangenknochen, eine etwas platte Nase und einen kleinen Mund mit schmalen Lippen. Der Größe nach wohl aus den Windeln raus, vielleicht schon ein Schulkind.

Wo ist er hier?
Alles ist ihm fremd. Es riecht fremd. Die Wände sind glatt, die Decke nicht hoch, den Raum kann er mit einem Blick erfassen, es gibt keine Tür, einen blauen Vorhang. Von draußen hört er Schritte, langsame, wie patrouillierend. Nebenan ein Schnarchen, von weiter her Männerstimmen, nicht laut, aber vernehmbar. Ihre Sprache kennt er nicht. Ein Wort wird so oft gebraucht, dass er es unbewusst leise mitzusprechen versucht:”trans-fe-riert”.
Ein Baby schreit.
Wo ist er hier?

Bisher ist sein Leben ganz normal verlaufen. Jedenfalls nach dem, was man ihm vom Leben erzählt hat und woran er sich erinnern kann:

Irgendwann lag er am Heiligen Abend unterm Weihnachtsbaum. Nachdem alle Autos, Legosteine und Süßigkeiten ausgepackt, bestaunt oder aufgegessen waren, kam er noch an die Reihe. Er wurde hin und her gedreht, auf den Kopf gestellt, landete wieder auf seinen Hinterläufen und bekam dann den Namen “Tiger”. Er hat das so hingenommen, eigentlich hieß er “der kleine Tiger ” aber mit Titeln schien man es nicht so ernst zu nehmen.

Schon in der ersten Nacht bekam er einen Platz im Bett, nicht unbedingt den Spitzenplatz, aber die anderen waren verträgliche Gesellen.

Hier ist er plötzlich allein, allein bei dem Kind.

Aufregungen hat es in den letzten Jahren für ihn nicht viele mehr gegeben, aber auch keine Beachtung.
“Wenn die, die dich einmal lieb gehabt haben, groß sind, lassen sie dich zurück”, war ein Satz, den er irgendwann aufgeschnappt hatte und der sich anscheinend bewahrheiten sollte.

Der Tiger ist jetzt hellwach:

Ma, die uns vor vielen Jahren zusammengebracht hat, setzte uns jeden Tag, um die Mittagszeit, wieder an unsere Stammplätze, redete mit uns und ging mit dem einen oder anderen gelegentlich zum Doktor. So etwas passiert und blieb auch uns nicht erspart. Der Kranke fehlte ein paar Tage, denn der Doktor hatte nicht immer Zeit. Waren die Wunden geheilt, saß er wieder in unserer Mitte.

Mir ist in der Weise nichts passiert, aber wie ich jetzt feststelle, gibt es Schlimmeres, als ein offenes Bein! ist mein nächster Gedanke.

Phasen, da sitzt du nur da und merkst nicht, wie schnell die Jahre dahin gehen. Eines Tages hat Ma uns eingesammelt, in eine Holzkiste gesetzt und uns gesagt, dass wir warten müssten, bis wieder Kinder im Haus wären. Wie lange, hat sie uns nicht erzählt. Sie wusste es wahrscheinlich selber nicht. Sie hat uns aber liebevoll angeschaut, noch einmal gedrückt und uns behutsam unter eine Bank geschoben.

Und dann kommt dieser Tag, der mein Leben noch einmal total verändert hat…

Am frühen Morgen steht sie vor der Kiste: “Tiger, dich brauche ich heute, wir lernen das ” T “!” Ich verstehe das nicht und werde in eine Tüte gesteckt, wobei sie
mit geschürzten Lippen unablässig: “die Tüte”, “der Tiger” rezitiert.

An die folgenden Stunden kann ich mich nicht genau erinnern. Alles ist laut. Viele Menschen laufen in einem Raum hin und her oder sitzen im Halbkreis auf Stühlen und wackeln mit den Beinen. Ma ist in die Menge getaucht, ich kann sie sehen, ich kann sie hören: ” Die Tüte ” , ” Der Tee”. Sie spricht genau so fremd wie am Morgen, sieht mich von fern, passt aber nicht mehr auf mich auf.

Was dann geschieht, ist bereits gesagt.

Im Augenblick denke ich an meine Freunde. Sie fehlen mir. Sie waren mir vertraut, über viele Jahre. Ich horche in mich hinein: Meine Glieder sind steif. Mein Fell vom langen Liegen platt gedrückt, meine Augen, sind beide noch dran. Das war in den letzten Jahren nicht bei jedem der Fall. Mein eines Ohr hängt etwas, aber hören kann ich gut, meine Sehnsucht nach Licht und Leben fühlen. Der kleine Junge neben mir ist warm. Er ist zärtlich und wollte mich haben.

Weiter mag ich nicht denken.

Dieser Beitrag wurde unter Geschichten abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>