Heide Marie-Preuss bei der Suedlese: “Gummihandschuhe”

Heute habe ich für euch eine weitere Geschichte, die bei der Suedlese präsentiert worden ist. Heide Marie-Preuss war so nett und hat mir ihre Geschichte “Gummihandschuhe” zur Verfügung gestellt. Wie bei anderen Texten auch, habe ich auch eine PDF-Version im Tab Lesestoff eingestellt:

Gummihandschuhe
Heide_Marie-Preuss@geschichtenkorb.de

Ich telefoniere mit dem Pflegeheim und erkundige mich nach ihrem
Zustand.
„Unverändert, wir können keine Prognosen stellen”.
Ich frage und fühle mich dabei wenig erwachsen:
„Soll ich noch ´mal kommen?“
„Das wär in jedem Fall gut!”
Auf der Fahrt über die Autobahn versuchen meine Augen aus den Wolkenformationen und aus der zur Zeit wachstumsstrotzenden Natur Bilder aufzunehmen, die mich trösten und ablenken. Sie bleiben nicht lange in mir haften, sondern rauschen geschwind an mir vorbei und ich sehe wieder nur die Eine, sie , eine uralte, siechende Frau, die ich als meine Mutter nicht mehr erkenne. Vor dem Tod habe ich schon immer Angst gehabt, und in meinem Leben nur einen Gestorbenen angeschaut, damals war ich ein Kind. Auf dem Weg zu ihr waren in diesem Frühjahr die Wassergräben und die Wälle längs der Straße wie ein Jahreszeiten-Kalender der Natur. Er stimmte mich ein auf die Besuche, die mir zur Regel geworden
waren.

Ich sah das erste Grün, danach den Löwenzahn in seinem leuchtenden Gelb. Nach vier Wochen war die Farbpalette schon reicher, die ersten Kornblumen mischten sich mit dem hellen Rot des weithin leuchtenden Mohns. Wieder ein wenig später gesellte sich die weiße Margerite dazu. Ich merkte mir unbewusst die schönsten Blumenwiesen auf meiner Strecke und freute mich, wenn ich daran vorüber fuhr. Jetzt sehe ich Gräser in großer Vielfalt, einiges der Blütenpracht ist bereits vertrocknet. Das stimmt mich traurig und erinnert mich an den Grund meiner Fahrt und die Eindrücke, die ich dort werde aufnehmen müssen.

Auf der Rückfahrt sehe ich nur noch auf den Asphalt oder auf den
PKW, der gerade vor mir fährt. Ich beobachte Überholmanöver.

In meinem Kopf trage ich Bilder. Die Gummihandschuhe an den Händen der Pflegerinnen schieben sich immer wieder in den Vordergrund. Die Frauen greifen, bevor sie an die Zimmertür klopfen in eine Schachtel und ziehen, während sie an ihr Bett treten, die Handschuhe zurecht. Das passiert automatisch, in meinem Gehirn stellt sich eine Verknüpfung mit dem Abstreifen von Schuhen vor einer Moschee
ein. Das ist ein Fluchtgedanke, ich weiß. Meine Mutter muss umgebettet werden. Sie wird gepflegt, sie wird zugedeckt, sie wird berührt, seit Wochen, mit Gummihandschuhen. Die Tage tröpfeln auf unsere Lebensbahn, scheinbar sinnlos, wie
das Wasser, das in ihren Körper geleitet wird. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie selbst jemals Gummihandschuhe getragen hat. Ihre Haut mochte die Sonne, das Licht, das Wasser und das Weiche, die Wärme von Menschen und Tieren.

Ihre Hände waren ihre Werkzeuge und suchten den direkten Kontakt zu allem, was sie schaffen konnten. Sie haben Fotos geschossen, in der Dunkelkammer gearbeitet und damit die große Familie über Wasser gehalten. Sie haben im Garten “gewühlt”, wie sie selbst so gerne sagte.

Ihre Hände haben feine Zahnbohrer gehalten und damit Bäume in kristallenes Glas geritzt, sie haben mit Pappmache gearbeitet, Figuren aus Ton geformt und auch ein kleines Buch geschrieben. Sie waren noch ganz jung und konnten damals bereits Porträts mit Bleistift und Kohle zeichnen. Im Alter wollten sie nur noch malen, wie in einem Rausch, viele Bilder, große und kleine, in Öl und Acryl. Das dadurch verdiente Geld haben sie gezählt und für Kreuzfahrten hingelegt. Sie sind um die ganze Welt gereist und haben sich auch davon berühren lassen.

Nein, in ihrem wirklichen Leben hat sie “Gummihandschuhe” nie gemocht.

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