Neue Geschichte: Tiefes Moor

Ich hatte mir jetzt schon seid einigen Tagen vorgenommen an diesem Wochenende mich hinzusetzten und eine neue Geschichte von Hildegard in meinen Blog einzustellen. Nach den Anschlägen in Paris vom Freitag war mir im ersten Moment ziemlich die Lust vergangen und ich fragte mich, ob es in diesen Tagen, wo es wahrhaftig wichtigeres gibt als mein kleines Archiv, nicht unpassend ist, einfach zur Tagesordnung zurück zukehren. Doch ich denke, wenn man sich von solchen Gedanken entmutigen lässt, dann haben die Terroristen schon zum Teil gewonnen. Auch ich bin mit meinen Gedanken bei den Opfern und ihren Familien und denke wir alle sollten jetzt etwas enger zusammenrücken und uns etwas menschliche Wärme geben.

Viele Gedanken sind mir die letzten Tage durch den Kopf gegangen, die ich hier jetzt nicht alle von mir geben möchte. Stattdessen möchte ich auf den Artikel “Wut ist kein guter Ratgeber” von Sabine Schaefers verweisen, dem ich mich nur anschließen möchte. Nun möchte ich aber zu Hildegards Geschichte kommen. Ich finde sie hat da mal wieder ein schöne Geschichte geschrieben. Diese kann hier und als downloadbares PDF im Bereich Lesestoff gelesen werden.

Tiefes Moor
Hildegard.Schaefer@geschichtenkorb.de

Am Horizont ahne ich das Meer. Es hat Verbindung mit den kleinen Kanälen hier in Ostfriesland, mit den Wiesen, mit dem Moor. Ich schaue in die weite, klare Landschaft, die mir das Gefühl gibt, dass die Welt überschaubar ist. Himmel, Erde und Wasser gehören zusammen und alles ist eins.
Wenn nur das Boot nicht wäre.
Ich frage meinen Vermieter, was es mit dem Boot auf sich hat.
„Was meinen sie denn damit „was es mit dem Boot auf sich hat?“, fragt er mich leise. So, wie er mich dabei anschaut, habe ich den Eindruck, es müsse sich um eine geheimnisvolle Geschichte handeln.
Ich bin neugierig, das Segel erinnert mich an etwas, das ich im Moment nicht greifen kann: „Ist es ein leck geschlagener Torfkahn?“ Er schüttelt den Kopf. „Der tragische Rest eines Piratenschiffes?“ Wieder Kopfschütteln. Er merkt, dass ich ungeduldig werde. „Sie sind der erste Feriengast, der sich für das Boot interessiert. Haben Sie heute Abend Zeit? Dann können sie die Geschichte hören, wenn sie soviel Wert darauf legen.“ Er nennt mir Uhrzeit und den Treffpunkt, das Lokal „Zum letzten Anker“.

Ich pflege normalerweise nicht in solche Spelunken zu gehen, doch ich habe eine Verabredung – beruhige ich mich. Die Kneipe sieht wenig vertrauenerweckend aus. Sie ist auch innen dunkel, abgestandener Zigarettenrauch vermischt mit Biergeruch schlägt mir entgegen. Nur noch zwei andere Gäste sind in dem Raum. Ich sehe meinen Vermieter in einer Ecke in der Nähe des Tresens sitzen, neben ihm ein knurriger alter Seebär. Ich setze mich zu ihnen. „Das ist Erik Erikson, Besitzer dieses Lokals“, stellt er mir den Seebär vor, der mich lange mustert. „Was es mit dem Bootsgerippe auf sich hat, wollen sie wissen?“ Er schaut versonnen aus dem Fenster. „Nun, das ist eine lange Geschichte.“ Er holt ein paar Bierflaschen und stellt sie geöffnet, ohne Glas, vor uns hin.

„Mein Vater war schwer von Südamerika beeindruckt. Flora, Fauna und die Menschen dort, es gefiel ihm einfach alles. Er wäre gerne dort geblieben, aber meine Mutter, die er in einem kleinen südamerikanischen Land kennenlernte, wollte unbedingt nach Deutschland. Ins gelobte Land, ihre Heimat gefiel ihr nicht mehr. Also kehrte er zurück nach Hause und übernahm diese Kneipe. Meine Mutter fühlte sich dann doch nicht so wohl hier, wie sie erwartet hatte, und wurde melancholisch. Trug nur noch schwarze, weite Sachen. „Du erinnerst mich an die Fledermäuse in Südamerika, ich werde dich nicht Mäuschen sondern Fledermäuschen nennen müssen“, scherzte er öfters und sagte es dann auch zu ihr. Es heiterte sie nicht auf. Er liebte die großen Fledermäuse in ihrem Land, sie hatten ihn am meisten beeindruckt. „Alle Fledermäuse zusammen, die wir auf dem Dachboden haben, sind so groß wie eine von diesen riesigen Dingern“, hat er mir gesagt.“ Der Seebär beugte sich zu mir herüber. „Und wir haben eine Menge auf dem Dachboden, schon immer gehabt“, müssen sie wissen. „Alle, die hier abends in der Gegend herumflattern, wohnen bei uns, glaube ich.“ Er lehnte sich zurück, nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche und fuhr fort: „Ja, und dann musste er ihr versprechen, wenn sie nicht mehr am Leben wäre, sie nach Südamerika zurückzubringen. Und ich war so 20 Jahre alt und arbeitete schon auf der Werft, da machte meine Mutter die Augen zu. Wie sollte sie nach Südamerika kommen? Wissen Sie, wie teuer so eine Überführung ist? Und dann kamen wir auf die Idee mit dem Boot.“ Eine Pause, in der er tief durchatmet. „Wie meinen Sie das“, frage ich irritiert. „So wie bei den Wikingern, Leiche ins Boot, anzünden und brennend ins Nirwana oder Walhall oder ins persönliche Paradies fahren lassen? Ist in Deutschland doch verboten.“ „Ja, das war uns schon klar“, nickt er bestätigend. „Mein Vater und ich bauten also so eine Nussschale von Boot, aber das Segel! Weil er sie immer „Fledermäuschen“ nannte, wählte er eine ungewöhnliche Segelform: Schwarze, große Fledermausflügel zu einem Rumpf, der gerade groß genug für eine Person war.
Wir buddelten dann die Urne aus – das weiß nur noch ihr Vermieter außer mir – ist alles auch schon so lange her, da kräht heute kein Hahn mehr nach. Vatern hielt nämlich immer seine Versprechen und dann hat er die Urne in das kleine Boot gepackt, stieg ein und ist losgepaddelt. Mitten auf dem Meer – jedenfalls ziemlich weit draußen – ist er dann in mein Boot rüber und wir haben Muttern gewünscht, dass sie ihr Paradies findet. Noch ein paar Blumen hinterher, das war’s. Wir sind dann zurückgerudert, hat ewig gedauert.“ Er schweigt und ich frage in die Stille hinein: „Und dann?“ „Tja, und dann ist mein Vater gestorben. Wir haben ihn, wie das so üblich ist, auf dem Friedhof beerdigt. Und dann kam er hier“, deutet er auf meinen Vermieter „eines Tages zu mir und erzählt mir von dem Boot. Es war das, was wir gebaut hatten. War ganz klar am Segel zu erkennen. Aber der Rumpf! Es ist hier gestrandet und ich habe mich gefragt, wer um Himmels Willen den Rumpf so verändert hat, dass es jetzt aussieht wie, na ja, wie ein Doppelbett eben.“

Er schweigt verlegen und wir trinken unser Bier in aller Stille aus.

Dieser Beitrag wurde unter Geschichten abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>