Neue Geschichte: Die andere Seite

Und schon wieder habe ich eine neue Geschichte für euch. Jörg Böhling war so nett die folgende Geschichte mir zum hier veröffentlichen zu geben. Wie gehabt, könnt ihr sie gleich hier lesen, oder sie als PDF im Bereich Lesestoff herunterladen:

Die andere Seite
Joerg.Boehling@geschichtenkorb.de

Ich bewege mich im Strom der Zeit und habe viele Leben gelebt. Viele zu früh beendet. Manche nur als Funke, erloschen, gestorben im Kindbette und andere viel zu lange ausgehalten, vergreist, schon blind, bis zum bitteren Ende. Einer Perlenschnur gleich, liegt sie hinter mir, die Reihe der Erinnerungen, bis sie im grauen Nebel der Vergangenheit verschwindet. Wie viele Dinge, Gerüche, Gefühle, geschmeckt, gesehen, gehört. Tausende von Tode, Arten der Verstümmelung, aber auch große Lieben und schmerzvolle Trennungen haben meinem Leben, meinen Leben den Sinn des Seins offenbart.

Anderen ist es vergönnt zu vergessen. Das Leben beendet. Vergessen. Ein Neues beginnen. Was war ich nicht alles gewesen. Spanischer Edelmann, mit Gestüt arabischer Zuchthengste, toskanischer Bauer, gebeugt und verarmt. Mauretanischer Legionär der römischen Armee, nördlich der Alpen stationiert. Ein jüdischer Kaufmann, erschlagen in Amsterdam und ich war Knabe im Thomanerchor, bis Monsieur Bach mich an den Ohren gepackt hatte und vor die Türe plazierte.

Grenzen. Die Grenzen waren immer geschlossen. Die Grenzen zwischen den Le-ben, als Bollwerke Gottes. Nur er darf ewig sein. Ihm ist es vergönnt, den Blick in die Abgründe der Ewigkeit zu nehmen.
Vor ein paar Jahren begann es, sich anzukündigen. Manchmal, nur selten zwar, bekam ich eine Ahnung von ihrer Leichtigkeit, ihrer flüchtigen Existenz. Ich glaubte, Dinge schon einmal erlebt oder gesehen zu haben. Als Begebenheiten beschrieben wurden, die ich nie selber erlebt hatte, die mich aber berührten oder ich den plötzlichen Schmerz einer Liebe verspürte beim Anblick eines Bildes. Des Bildes einer jungen Frau, eines Mädchens, mit dunkelgrünen Augen. Augen, glänzend wie die tiefen Seen des schottischen Hochlandes im Frühling des Jahres 1334.

Gestern kam der junge Assistenzarzt etwas früher.
Frau Dr. Blanke, die den Dienst machen sollte, hatte einen Unfall. Sie war auf der Autobahn verunglückt, als sie versucht haben soll, einem Geisterfahrer auszuweichen. Nicht schlimm, wie man uns versicherte. Schleudertrauma, eine gebrochene Rippe. Aber für einen Monat würde sie ausfallen.
»Na Paul«, hatte der junge Assistenzarzt mich begrüßt. »Wer sind wir denn heute?« Er hielt einen Klemmblock in der Hand und wandte sich an Schwester Ruth, die neben ihm stand: »Hat Frau Doktor Blankes neue Medikation angeschlagen?«

Ich schwieg. Wie sollte ich ihm erklären, dass ich nicht heute Napoleon bin und morgen Jesus sein werde. Wie sollte ich ihm erklären, dass nicht ich verrückt, sondern das Leben verrückt war. Vielleicht war sogar Gott verrückt, weil er die Grenze verrückt hatte, um mich am großen Plan teilhaben zu lassen. Ich war auf der anderen Seite, ohne es je gewollt zu haben.
»Er ist wacher als vorher«, sagte sie. »Die Nebenwirkungen fallen schwächer aus.«
Der junge Assistenzarzt klopfte mir auf die Schulter. »Wird schon wieder. Gleich gibt’s lecker Mittag.« Er ging.

Vielleicht sollte ich dieses Leben beenden. Andere Leben waren schlimmer gewesen als dieses. Einige schwerer, einige waren besser. Ein Schnitt mit dem Messer – und ich würde neu beginnen. Oder die Tabletten sammeln und alle zusammen in den Mund stopfen, damit dieses Elend ein Ende hätte. Wäre ja kein Ende, keine Sackgasse, sondern eine Tür, eine Pforte oder ein Notausgang in die nächste Existenz.
Wann es das erste Mal passierte? Das allererste Mal? Oder jetzt – in diesem Leben?

In diesem Leben war es vor vier Jahren. Burnout. Tot vor Arbeit und tiefste Depressionen. Dann gab es Medikamente und ordentlich Therapie und wieder Medikamente. Die scheinen als Nebenwirkung die Grenze geöffnet zu haben. Gottes Bollwerk war offen. Ich sah alles vor mir. Die Leben, die Tode und die Verstümmelungen. Aber ich sah auch die Liebe. Und Sie. Seitdem warte ich. Seitdem suche ich. Warten, suchen, warten. Ist zum verrückt werden. Ich warte auf dieses eine Lächeln, ein Lächeln, wie es kein anderes auf dieser Welt gibt oder gegeben hat. Außer von ihr. Daran erkenne ich Sie. An der Wärme, dem Blick, der in einer Mimik, innerhalb einer Sekunde die Welt aus den Angeln hebt und an dem ich mich berauschen konnte.

Sie war aber noch nicht aufgetaucht, noch waren wir uns nicht begegnet. Sie war Magdalena in Jerusalem, Margret zwischen den weißen glänzenden Birken in Yorkshire, Marie im Hurenhaus in Bordeaux. Wir tanzten einen Tanz, der uns durch die Jahrhunderte trieb, Gigue in Versailles, Tango in Buenos Aires, Foxtrott in Boston, Walzer in Wien. Immer wussten wir, dass wir den Anderen gefunden hatten. Die Leben ohne den Anderen waren trist, die Leben mit ihm erfüllt. Ich wartete. Hoffte auf den Zufall des Schicksals, der uns zusammenführen würde.

Es gab Leben, Vergangenheiten ohne Sie. Lange Leben, kurze Leben. Vergebene Jahre mit den falschen Frauen und den falschen Träumen von Glück. Ich glaubte einmal, es war vor einem Jahr, Sie von hinten, aus der Ferne in einer U-Bahnstation in Berlin gesehen zu haben. Ich rannte den sich schließenden Türen hinterher. Die Bahn fuhr ohne mich an und verschwand im Dunkel der Tunnel. Ich lief nachts durch die Stadt, hoffte Sie zufällig in einer der vielen schrillen und ewig offenen Bars zu treffen, saß stundenlang auf einer Treppe im Bahnhof Zoo, irrte durch die hektische, laute, niemals schlafende Stadt, wie immer, seit damals, als ich Sie das erste Mal traf, in Rom, bevor Nero alles niederbrannte.

Aber die Suche hatte ihren Preis. Die Nächte in irgendwelchen Bahnhöfen oder auf Plätzen der Stadt. Die Hilflosigkeit bei dem Gedanken, dass Sie nicht mehr kommen würde. Die Verwirrtheit, mit der sie mich mustern, wenn ich von früher erzähle. Von ganz früher. Deswegen bin ich hier.
Frau Dr. Blanke glaubt mir. Behauptet sie wenigstens. Sie sagte in einer der vielen Sitzungen, die wir hatten, dass vielleicht das Gefühl von Deja-vu, vielleicht sogar unsere Träume oder gar plötzlich auftretende Trauer über Ereignisse, die wir nicht erlebt haben, Erinnerungen und Emphathien hervorrufen. Mitgefühl aus dem Schmerz unserer vergangenen Leben.
Sie lächelte dabei. So versonnen.

Der junge Assistenzarzt ist viel distanzierter. Ich weiß nicht einmal seinen Namen, will ich auch nicht wissen. Für ihn ist der Fall klar. Schizophrene Psychose. Wird medikamentös behandelt. Schluss. Aus. Bumms der Kasper. Wieso den Kasper, weiß ich auch nicht.
Dr. Blanke wollte, dass ich alles aufschreibe. Sollte mir helfen, mich zu sortieren. Sagte, dass meine Gedanken und Tagebucheinträge nicht in die Akte kommen. Dass sie alleine nur für mich seien. Sie würde sich aber freuen, wenn sie irgendwann einmal die Aufzeichnungen lesen dürfte. Dann könne sie mich besser verstehen und mir besser helfen. Ich überlege noch.
Heute Nachmittag ist eine Frau eingeliefert worden. Mein Alter, Mitte zwanzig. Die war vollgedröhnt mit Haloperidol, Risperidon oder einer dieser anderen Teufelspillen.
Der junge Assistenzarzt glaubt an Pillen.

Die haben sie reingeschoben in den Gemeinschaftsraum. Da steht sie wie hinge-stellt, die Arme an den Lehnen fixiert, den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen und murmelt unverständliches Zeug. Schwester Ruth ist ungeduldig, sie hätte längst Schichtende. Einige Pfleger und der Hausmeister stehen im Gemeinschaftsraum.
Sie ruft: »Kann mir jemand sagen, was für eine Sprache das ist? Ist es russisch, oder türkisch oder was?«
Boris, der Hausmeister, schüttelt den Kopf. »Nichts Russisches. Auch kein Türkisch«, sagt er.

Ich beuge mich vor, um zu hören, was sie sagt – ein Wort von ihr zu erhaschen. Ich höre zu und verstehe. Dann sage ich: »Das ist Thamudisch. Das haben wir im Sinai gesprochen. Dreihundert nach Christus.«
Sie hebt den Kopf, öffnet die Augen und sieht mich an. Ich sehe in dunkelgrüne Augen. Augen, die glänzen, wie die tiefen Seen des schottischen Hochlandes im Frühling des Jahres 1334. Dann lächelt sie.

Dieser Beitrag wurde unter Geschichten abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>