Neue Geschichte: Der blaue Koffer von Ute Holst

Und wie gestern versprochen kommt heute noch die Geschichte von Ute Holst, mit der sie beim 6. Salzhäuser Literaturwettbewerb zum Thema „Der blaue Koffer“ einen Preis gewonnen hatte. Auch dieser Beitrag ist wei gehabt als PDF im Bereich Lesestoff downloadbar:

Der blaue Koffer
Ute.Holst@geschichtenkorb.de

Fröhlich kichernd kamen die Zwillinge Emma und Paul aus der Schule. Die Sommerferien standen kurz bevor, eine Reise war zwar nicht geplant, aber sie freuten sich darauf, ihre freie Zeit mit ihren Freunden verbringen zu können. Zeitgleich mit den Teenagern erreichte der Briefzusteller das elterliche Grundstück und übergab Paul einen Stapel Briefe. Neugierig sahen die Geschwister die Post durch, aber für sie war nichts dabei. Ein Briefumschlag mit schwarzem Rand weckte jedoch ihr Interesse. „Was ist denn das für ein komischer Brief“, Emma drehte das Kuvert in ihren Händen, „hast du so etwas schon mal gesehen, Paul?“ Paul schüttelte den Kopf und sagte nachdenklich: „Der Brief ist an Papa adressiert, wir müssen wohl bis zum Abend warten. Aber sieh mal, es ist ja gar kein Absender angegeben…“
Später betrachtete die Mutter den Brief mit besorgtem Blick und erklärte den Kindern was der schwarze Rand zu bedeuten hatte. „Ja, wir müssen uns eben gedulden bis Papa kommt.“ Der Nachmittag zog sich endlos hin, aber endlich war es soweit und der Vater öffnete den Briefumschlag. Nachdem er sich verstohlen die Tränen aus den Augen gewischt hatte, sagte er mit belegter Stimme: „Tante Gerda, die Schwester meiner Großmutter ist verstorben. Wir werden gebeten zur Beerdigung zu kommen und bei der Gelegenheit sollten wir uns auch gleich ihren Nachlass ansehen. Tante Gerda hatte keine Kinder, der einzige in Frage kommende Erbe bin ich.“ Und nach einem Blick auf den Kalender: „Der Termin ist in der ersten Ferienwoche, zu der Zeit habe ich noch keinen Urlaub. Ich muss gleich nach der Trauerfeier wieder nach Hause, aber ihr könnt ja noch ein paar Tage in Tante Gerdas Haus bleiben. Am Wochenende darauf hole ich euch dann wieder ab.“
Die Beisetzung war eine neue Erfahrung für Emma und Paul. All die traurigen Gesichter und die lange Predigt des Pastors gefielen ihnen gar nicht.
Dann bekam der Vater endlich die Schlüssel für das Haus. Es war ein winziges Fachwerkhaus mit einem windschiefen Dach. Der verwilderte Garten war von einem verwitterten Zaun umgeben, der beim nächsten Windstoß umzufallen drohte.
Knarrend öffnete sich die Haustür, nachdem der Vater sie mit dem großen Schlüssel entriegelt hatte. Die Luft war muffig und die Mutter öffnete sofort ein paar Fenster. „Hier können wir unmöglich wohnen“, sagte sie mit gerümpfter Nase, „wir werden im Gasthaus nach einem Zimmer fragen.“
Am nächsten Tag gingen Emma und Paul mit der Mutter zurück in das Haus der Tante. Während die Mutter sich umsah und die Schränke ausräumte, schlichen die Geschwister auf den Dachboden. Auf dem Boden war es finster und eine dicke Staubschicht lag überall. Große, graue Spinnweben waren durch den ganzen Raum gespannt und einige Spinnennetze waren auch noch bewohnt. Emma wollte sich wieder zurückziehen, aber Pauls Neugierde war geweckt, nachdem er den Lichtschalter entdeckt hatte und eine Glühbirne am Dachbalken leuchtete. „Emma, nun sei kein Frosch, die Spinnen tun uns doch nichts! Ich bin gespannt was wir hier so alles finden!“ Zögerlich trat Emma wieder etwas näher: „Vielleicht hast du ja recht, Paul.“ Langsam bewegten sie sich durch den Raum und zogen ein dick verstaubtes Tuch nach dem anderen zur Seite. Darunter kamen Kartons, alte Möbel, ein Spinnrad und sogar ein hölzernes Schaukelpferd
zum Vorschein. In einem Schrank fanden sie noch ein silbernes Besteck und diverse alte Kleider. Nachdem Emma und Paul einige Kleidungsstücke anprobiert hatten, kroch Paul noch einmal in den Schrank hinein. In der hintersten Ecke stieß er auf einen kleinen eckigen Gegenstand. Mit Mühe
zerrte Paul das schwere Teil heraus. Er pustete den Staub ab, der ihn und seine Schwester einhüllte. „Spinnst du, Paul, was soll das denn?“ Aber Paul hatte entdeckt, dass es sich um einen alten Koffer handelte, dessen blaue Farbe schon stark verblichen war. Er machte sich an den Schlössern zu schaffen und mit etwas Mühe ließ sich der verzogene Deckel öffnen. Die beiden staunten nicht schlecht, als sie hinein sahen. Fotoalben, einige große Briefumschläge und ein Stapel mit rotem Geschenkband verschnürter Briefe kamen zum Vorschein. Zunächst sahen sie sich die Fotoalben an. Auf einigen Bildern war Tante Gerdas Haus zu sehen und davor stand eine hübsche Frau. Sollte das Tante Gerda selbst gewesen sein? Die Geschwister hatten sie nie kennengelernt, was sie jetzt bedauerten. Mit dem Inhalt der großen Umschläge konnten sie nichts anfangen, die würden sie ihrer Mutter geben, aber die kleinen aus dem verschnürten Bündel wollten sie sich unbedingt näher ansehen. Groß war die Enttäuschung als die Zwillinge feststellten, dass sie die Schrift nicht lesen konnten. Was waren das für merkwürdige Buchstaben, oder handelte es sich vielleicht um eine Geheimschrift? Auf einigen Briefbogen war die Tinte ver-laufen, als wären Tränen darauf geflossen.
Emma und Paul konnten es kaum erwarten ihrer Mutter von ihrem Fund zu berichten. Aber auch die Mutter konnte die Briefe nicht entziffern. „Ich vermute, dass es sich um die alte Sütterlinschrift handelt. Möglicherweise kennt Papa jemanden, der uns die Schriftstücke vorlesen kann.“
Die Tage bis zum Wochenende zogen sich endlos hin, aber endlich kam der Vater, um seine Familie wieder ab zu holen. Mit großem Bedauern musste er gestehen, dass auch er die Sütterlinschrift nicht lesen konnte, aber auch niemanden kannte, den sie um Hilfe bitten könnten. Schließlich platzte es aus Paul heraus: „Wisst ihr was, ich werde Fabian mal fragen wenn wir wieder zuhause sind. Seine alte Oma lebt noch in seinem Elternhaus, vielleicht kann sie uns helfen.“ Die Idee wurde begeistert angenommen. Am Tag ihrer Rückkehr schnappte sich Paul sein Fahrrad und fuhr zu Fabian. Dort erfuhr er, dass sie Großmutter vor einigen Tagen ins Krankenhaus gekommen war. Fabians Familie rechnete aber mit ihrer baldigen Rückkehr; denn es hatte sich nur um einen Schwächeanfall gehandelt.
Endlich kam die alte Dame aus dem Krankenhaus, sie sollte sich aber auf dringendes Anraten ihres Arztes noch schonen. Paul konnte die Spannung kaum noch ertragen, doch schließlich war es soweit und er durfte Fabians Oma besuchen. Paul erzählte ihr von dem Haus seiner Großtante und von dem Fund auf dem Dachboden. Die alte Frau bekam glänzende Augen, sie liebte Abenteuer und Mysterien und hier schien es sich um ein großes Geheimnis zu handeln. Am nächsten Tag brachte Paul die Briefe, doch zu seiner Enttäuschung ging es der Seniorin gar nicht gut. Paul und seine Familie mussten voller Ungeduld noch einige Tage auf das Ergebnis der Lektüre warten. Dann war der große Tag endlich gekommen und sie saßen um den schön gedeckten Kaffeetisch im Haus von Fabians Familie.
Emma und ihre Mutter hatten Kuchen gebacken und einen Blumenstrauß aus ihrem Garten mitgebracht. Fabian saß auch mit am Tisch und alle warteten gespannt darauf was die Oma sagen würde.
Die alte Frau hielt die Briefe in ihren zitternden Händen und sagte: „Was für ein trauriges Schicksal eure Tante Gerda gehabt hat! Sie hatte sich in einen Mann verliebt, der schon eine Familie hatte und schließlich erwartete sie selbst ein Baby von ihm. Der Mann wollte daraufhin nichts mehr von ihr wissen und ihr Vater hat sie wegen ihrer Schwangerschaft einfach vor die Tür gesetzt.“ Ungläubig starrte Emma ihre Mutter an und auch Paul sah ganz erschrocken in die Runde. „Eure Tante Gerda konnte zwar ihre Ausbildung zur Schneiderin beenden und bis dahin bei ihrer Meisterin in einer kleinen Kammer wohnen. Aber sie hatte nur sehr wenig Geld und konnte deshalb nicht gut für ihr Kind sorgen. So kam es, dass der Junge krank wurde und schließlich sehr jung starb.“ Wieder machte sie eine kleine Pause bevor sie fortfuhr: „Diesen Schmerz hat Tante Gerda nie wirklich überwunden und ist nach ihrer Ausbildung in eine andere Stadt gezogen, in der niemand ihre Geschichte kannte. Dort hat sie eine eigene Schneiderwerkstatt aufgemacht und so ihren Lebens-
unterhalt verdient. In einem Brief an ihre Schwester, eure Großmutter, berichtet sie, dass sie sich das kleine Haus gekauft hat um dort ihren Lebensabend zu verbringen. Engeren Kontakt mit eurer Oma hat sie abgelehnt, weil sie sich immer noch wegen des Kindes geschämt hat.“ Mit trauriger Stimme beendete sie ihren Bericht: „Die arme Gerda muss sehr einsam gewesen sein.“
Darauf herrschte betroffenes Schweigen und in einigen Augen standen Tränen. „Wenn ich von all dem doch nur etwas geahnt hätte“, stotterte der Vater, „aber meine Großmutter hat nie über Tante Gerda gesprochen. Wie schade, dass wir sie nicht mehr fragen können…“
Fabians Oma wirkte erschöpft und schnell wurde der Tisch abgedeckt und die Familie verabschiedete sich mit herzlichen Worten des Dankes. Schweigend machten sie sich auf den Heimweg, jeder in seine Gedanken versunken.
Am Abend, als die Kinder schon schliefen, saßen die Eltern noch lange zusammen und sprachen darüber, wie hart das Leben sein kann.
Am Ende fassten sie den Entschluss, die sterblichen Überreste von Tante Gerda in das Grab ihrer Schwester überführen zu lassen. Die Kosten dafür würden durch den Verkauf des Hauses gedeckt werden. Das wichtigste war schließlich, dass die beiden Schwestern wieder vereint sein würden.
Als Emma und Paul am nächsten Morgen von der Entscheidung ihrer Eltern erfuhren, waren sie begeistert und schworen sich, sich nie aus den Augen zu verlieren, komme was da wolle.
Gemeinsam beschloss die Familie, den blauen Koffer mit den Briefen zu Tante Gerda in den Sarg zu legen, bevor sie neben ihrer Schwester ein zweites Mal beerdigt würde.
Das Gemeinschaftsgrab wurde regelmäßig von den Familienmitgliedern besucht und gepflegt.

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