Neue Geschichte: Der blaue Koffer von Christoph Rommel

So, vor Weihnachten gibt es jetzt noch eine Geschichte. Wie schon hier geschrieben, haben zwei Christoph Rommel und Ute Holst einen Preis beim 6. Salzhäuser Literaturwettbewerb zum Thema „Der blaue Koffer“ gewonnen. Die beiden waren so nett und haben mir ihre Geschichten für meinen Blog zur Verfügung gestellt. Heute kommt als erstes der Beitrag von Christoph Rommel. Der von Ute Holst wird in kürze ebenfalls folgen. Wie gehabt kann die Geschichte direkt hier oder als PDF unter der Kategorie Lesestoff herunter geladen werden:

Der blaue Koffer
Christoph.Rommel@geschichtenkorb.de

Antonia war nicht mehr ganz so jung, aber guter Dinge. Sie fühlte sich wohl und sie mochte es, wie sie aussah. Tatsächlich hatte sie im Internet einen Kontaktversuch gewagt und war fündig geworden. Eine handvoll Enttäuschungen hatten in ihrem Leben gewissermaßen Wegzeichen hinterlassen. Viele Dinge hatten einfach nicht klappen wollen. Kurz vor dem Ziel war oft etwas dazwischengekommen. So war das Leben nun einmal, dachte sie sich. Es war nicht ihre Art, über die Vergangenheit lang und breit nachzudenken. Jetzt also ein neuer Versuch.

„Du kannst es dir nicht vorstellen“, hatte sie ihrer Freundin Beate am Telefon erzählt, und die konnte es sich wirklich nicht vorstellen.
„Bist du verrückt geworden, eine Männerbekanntschaft aus dem Internet!“
„Ich kann mir denken, dass er ein wunderbarer Mann ist“, fuhr Antonia fort.
„Weißt du überhaupt, ob es ein Mann ist?“ fragte ihre Freundin schnippisch. „Gibt es Fotos, persönliche Angaben, irgendetwas Verlässliches.“
„Er ist Beamter …“
„Jetzt hör´ aber auf. Ein Langweiler mit Pensionsberechtigung, das passt doch nicht zu dir.“
„Ich will es jetzt versuchen und ich werde keine Dummheiten machen.“

Bei allem Überschwang ermahnte sie sich dann innerlich, lieber nicht zu viele Erwartungen in das bevorstehende Treffen zu setzen. Sie hatte mit dem Mann gefühlte tausend Mails gewechselt.

Es klang in allem, was sie sich geschrieben hatten, ein schon fast etwas altmodi-scher Ton mit, wenn man von „klingen“ reden wollte. Sie siezten sich, vermieden es, ihr genaues Alter zu nennen und hatten keine Fotos ausgetauscht. Da wird ja doch nur geschummelt, sagte sich Antonia. Nach vier Wochen, die Mails wechselten in immer dichterer Folge, schlug sie dann ein Treffen vor. Sie wollte zu ihm fahren. Er lebte in Berlin, sie in Hamburg.

Sie stieg am Bahnhof Dammtor ein, da war nicht so viel Gedränge. In einem der hinteren Wagen hatte sie reserviert. Wie ausgemacht, wollte sie am Hauptbahnhof in Berlin aussteigen.
„Sie erkennen mich an meinem blauen Koffer,“ hatte sie ihm geschrieben. „Eine Verwechselung ist kaum möglich, denn er hat einen Gurt mit lila-türkisen Streifen.“

Georg hatte seine wenigen Frauenbekanntschaften zu vergessen versucht. Er war Single und hielt das für die Bestimmung seines Lebens. Dann aber hatte ein Bekannter so nebenher gesagt:
„Mit einer Frau hast du zwar immer Stress, aber ohne Frau auch.“
Ihm war die tiefe Weisheit dieses Satzes schlagartig klar geworden. Über der Grübelei, welcher Stress nun der größere sei, der mit oder der ohne Frau, hatte er sich seine eigene Lebensregel zurechtgebastelt: Geteilter Stress ist halber Stress. Auch wenn ihm manchmal die Logik dieses Satzes etwas brüchig erschien – gemeinsamer Stress könnte doch auch doppelter Stress sein – hatte er vor einem Monat eine Internetbekanntschaft gemacht, dann auch gepflegt und morgen sollte das Treffen sein.

Er rief noch schnell seinen Freund Max an, um ihm die ganze Geschichte zu erzählen.
„Meinst du, dass ich das richtig mache?“ fragte er.
„Denk jetzt nicht an richtig oder falsch. Sie will und du willst, sei einfach ehrlich“, riet ihm sein Freund. „Und hör´ auf, schon im Voraus über alle Eventualitäten zu grübeln. Bleib auf dem Teppich.“
„Du hast gut reden. Vielleicht ist das die große Chance, wenn ich die vermassele …“.
„Genau das meine ich. Wenn du sie nicht treffen willst, dann gehst du nicht hin. Schick ihr eine SMS.“
Das wollte Georg auch nicht. „Das ist nicht nett und wie gesagt, sie könnte ja die Frau meines Lebens sein.“
„Du bist entsetzlich kompliziert. Jetzt mach folgendes: Nimm eine Münze. Zahl heißt, du triffst sie, Bild – du triffst sie nicht.“
Georg kramte eine Münze hervor. „Wenn aber nun…“, fing er wieder an.
„Wirf die Münze!“ Max war laut geworden.
Das Metall klingelte auf der Tischplatte.
„Oh nein, Bild“, jammerte Georg, „ich soll nicht hingehen. Aber ich möchte doch.“
Sein Freund musste schallend lachen.
„Jetzt weißt du immerhin, was du willst.“
„Dann hilf mir bitte noch mit dem Erkennungszeichen. Woran kann sie mich erkennen?“
„Du kannst etwas Unübliches mit dir herumtragen.“
„Aber was?“ Sein Blick schweifte durchs Zimmer, durch die offene Tür und fiel auf die Garderobe. „Da hängt ein Schal, den hat mal jemand vergessen. Blau-weiß-schwarz gestreift. So ein Fanschal vom Hamburger SV. Und das in Berlin.“
Er musste schmunzeln. So ein Ding könnte auch nützlich sein.

Antonia saß in einem Abteil. Großraumwagen mochte sie nicht so gerne. Sie saß am Fenster, ihr schräg gegenüber ein junger Mann, der zu schlafen schien. In seinen Ohren steckten Kopfhörer. Zum Lesen war sie zu unruhig, und so schaute sie aus dem Fenster. Die etwas eintönige Landschaft flog an ihr vorüber. Da war nichts, wo das Auge hätte verweilen mögen. Aber die Gleichförmigkeit der Landschaft und das eintönige Geräusch des fahrenden Zuges übten eine beruhigende Wirkung auf sie aus.

Plötzlich spürte sie etwas auf ihrem Knie. Sie wischte mit der Hand über die Stelle, da griff ihr jemand ins Gesicht. Der junge Mann war über sie gebeugt und hielt ihr den Mund zu. Er wollte sich zwischen ihre Beine drängen. Antonia versuchte, ihn zu treten, ihn abzuschütteln, aber sie fühlte sich wie erstarrt. Das Geräusch des dahinrasenden Zuges war ohrenbetäubend. Sie bekam keine Luft mehr. Der Mann hielt sie in den Sitz gepresst und hatte sich zwischen ihren Schenkeln nach oben gearbeitet. Antonia sah ihren blauen Koffer über sich. Himmelblau mit lila-türkisem Gurt.
In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann stürmte ins Abteil. Er war in ein dunkles Gewand gekleidet und hatte sein Gesicht verhüllt. Er packte den Jungen an der Kehle. Er musste über Riesenkräfte verfügen, denn sofort ließen die Hände ihren Körper los. Antonia atmete tief. Der junge Mann kniete auf dem Boden, der dunkel Gekleidete hatte ihm einen Arm auf den Rücken gedreht.
Antonia wollte schreien. Es gelang ihr nicht.
Sie schlug die Augen auf. Es dauerte eine kleine Weile, bis sie begriff, dass sie geschlafen hatte.
Sie war allein im Abteil.

Georg hatte sich in seinen Mails ein wenig vorgestellt. Beruf, Lebensumstände, über seine Freizeit gesprochen, Interessen und Geschmack vorsichtig beschrieben, denn da konnte man ja leicht ins Schleudern geraten. Als sie ein Treffen in Berlin vorgeschlagen hatte, war er einen Moment unsicher. Dann hatte er sich einen Ruck gegeben und zugestimmt.
Er schaute auf die Uhr. Dieser Samstagvormittag hatte sich noch nicht entschieden, ob er sonnig, bedeckt oder regnerisch sein wollte. Das gefiel Georg nun gar nicht, denn es bestand die Möglichkeit, dass er sich zu warm anzog und dann auf dem Weg zum Bahnhof ins Schwitzen geriet. Eine gewisse innere Anspannung war ja auch noch vorhanden bei ihm. Es waren viele Fragen, die er sich stellte und nicht beantworten konnte. Wie auch.
Eine Internetbekanntschaft ist eine Internetbekanntschaft, nicht mehr und nicht weniger. Immerhin war sie es ja, die zu ihm nach Berlin kam. Er buchte es unter der Rubrik „positive Aspekte“. Andererseits, was sollte er tun, wenn sie auf den ersten Blick unsympathisch war? Sich stundenlang mit ihr herumquälen?
Fast bereute er es schon, dass er es überhaupt so weit hatte kommen lassen. Er war ein eher entschlussschwacher Mensch, daher auch Beamter geworden. Da hatte er die Dinge auf sich zukommen lassen können und meist war es auch egal, was er entschieden hatte.

Die S-Bahnverbindung hatte er herausgesucht. Eine Verspätung wäre heute der schlimmst-mögliche Fall. Samstagsfahrplan beachten, sicherheitshalber eine Bahn früher fahren. Er verließ seine Wohnung in der Bleibtreustraße in Charlottenburg.

Als Antonia auf ihre Uhr sah, stellte sie fest, dass sie gerade noch genug Zeit für einen Kaffee hätte. Also entschloss sie sich, ins Zugbistro zu gehen.
Sie lief durch Gänge und Großraumwagen. In einigen hatten sich Gruppen von Fußballfans zusammengefunden, an Mützen, Hemden und Schals zu erkennen. Manche laut und schon angetrunken, aber alle unaufdringlich. Sie fuhren wohl zu einem Spiel nach Berlin. Antonia bekam den Kaffee und stellte sich an einen der Tische. Ihr Telefon klingelte und es war Beate.
„Denk bitte daran, geh´ nicht mit ihm in eine Wohnung oder ein Hotelzimmer.“ Beate war ja noch aufgeregter als sie.
„Es wird sich alles im öffentlichen Raum abspielen“, entgegnete Antonia.
Sie wollte weitersprechen, sah dann aber die Schilder vom Bahnhof Zoo und sagte: “Nimm´s mir nicht übel, aber ich bin gleich da. Danke für die gut gemeinten Ratschläge.“

Georg stand langsam auf, als die Bahn in den Hauptbahnhof einfuhr. Viele Menschen stiegen vor ihm aus. Das dauerte. Er war der letzte und blieb kurz stehen, um sich zu orientieren. Auf dem Bahnsteig hier oben war es immer zugig. Als die Bahn auf dem gegenüberliegenden Gleis einfuhr, gab es einen kräftigen Windstoß. Hinter Georg war das Zischen der sich schließenden Türen zu hören. Der Luftzug erfasste den Schal und wehte ihn in die sich schließende Tür.
„Stopp!“ rief Georg vergeblich. Die Bahn fuhr an, Georg war am Hals eingeschnürt und musste mit dem sich in Bewegung setzenden Wagen mitlaufen. Er zog und zerrte an dem Schal, der wie eine Schlinge um seinen Hals lag. Kurz bevor der Bahnsteig zuende war, hatte er sich befreit. Der Schal flatterte fröhlich an der verschwindenden Tür.
„Das fängt ja gut an“, dachte Georg. Er war etwas ins Schwitzen geraten. „Hoffentlich versagt mein Deodorant nicht.“

Antonia ging etwas hektisch zurück. Der Weg kam ihr endlos vor. Im Abteil war niemand. Sie griff hinauf in die Gepäckablage. Ihr Koffer war nicht mehr da. Antonia traute ihren Augen nicht, aber ihr Koffer war weg. Unter dem Sitz am Gang lugte etwas heraus. Antonia zog daran, es war ein Schal, blau-weiß-schwarz gestreift. Wahrscheinlich von dem jungen Mann. Hatte der sich ihren Koffer genommen? Den Schal nahm sie mit, vielleicht konnte die Polizei in Berlin damit etwas anfangen. Wollte der Mann, der sie erwartete, nicht auch so einen Schal tragen? Schöner Start für ihr Rendezvous. Der Zug hielt und sie stieg aus.

Sie sah überall Leute mit HSV-Schals auf dem Bahnsteig. Ihr wurde fast etwas schwindelig. Ein junger Mann grinste sie an und deutete auf den Schal. „Voll Krass“, sagte er und zeigte mit dem Daumen nach oben.

Georg stand auf dem Bahnsteig zwischen Menschen, die dem Zug aus Hamburg entströmten und wusste nicht so recht, was jetzt zu tun war. Sollte er die Dame mit dem blauen Koffer ausrufen lassen. Er lief den Bahnsteig auf und dann ab, fand aber nirgends einen Bahnbeamten oder diesen Kommandostand, von dem aus immer die Verspätungen angekündigt wurden. Alles wegrationalisiert, dachte er. Sie würde ihn ja auch suchen müssen, rechnete er sich aus. Also würde sie sicher nicht weglaufen. Der Bahnsteig wimmelte jetzt von Menschen, darunter viele mit Fahnen und geräuschemachenden Instrumenten. Fußballfans. Plötzlich sah Georg zwischen den Menschen einen jungen Mann mit einem blauen Koffer, den ein lila-türkiser Gurt umschloss. Was hatte das zu bedeuten?
„Woher haben Sie diesen Koffer“, rief Georg. Der junge Mann schaute ihn verdattert an.
„Ist wohl nicht mein Tag heute“, sagte er und wollte weglaufen. Dabei entging ihm eine überdimensionale Fahne in den Farben des Hamburger Sportvereins. Die meterlange Stange ragte dummerweise in seinen Fluchtweg hinein. Wäre er ein geübter Hürdenläufer gewesen, hätte er das Problem meistern können, aber mit dem Koffer kam er ins Stolpern. Er rappelte sich auf, ergriff die Flucht und ließ den Koffer zurück. Georg stellte sich zu dem Koffer. Er ahnte, was geschehen war und schaute sich um.

„Wie kommen Sie zu meinem Koffer?“ hörte er eine angenehme Frauenstimme hinter sich sagen. Er drehte sich um und sah die überraschte Antonia mit einem HSV-Schal in der Hand.
„Könnte das ein Zeichen sein?“ fragte Georg und schaute sie an.
„Sicherlich“, Antonia lächelte, „ganz bestimmt für etwas.“

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