Neue Geschichte: Aufbauende Fundstücke

Heute habe ich noch eine Geschichte von Sonja Alphonso für euch. Auch diesmal gibt es die Geschichte zusätzlich im Bereich Lesestoff als PDF:

Aufbauende Fundstücke
Sonja.Alphonso@geschichtenkorb.de

Maria dachte lange darüber nach, was zu tun war. Sollte sie es melden und wenn ja, wer wäre zuständig? Es erschien ihr wenig sinnvoll. Was sollte die Schulleitung schon groß unternehmen? Ein Schüler mit Kummer, einer von Hunderten, so außergewöhnlich war das nicht. Die Schule war für den Unterricht zuständig und konnte im besten Fall darüber hinaus noch ein wenig Sozialverhalten und etwas moralischen Anstand vermitteln. Aber sich im Einzelfall um Sorgen und Nöte der Schüler kümmern oder Beistand leisten, wenn es in den Familien kriselte? Das konnten die Lehrkräfte wohl kaum leisten. Was also sollte sie unternehmen? Sie konnte unmöglich so tun, als habe sie nichts gesehen.
Es gehörte zu ihrem Alltag, den Müll auch unter den Tischen wegzuräumen. Sie fand dort ständig Liegengebliebenes: ganze Frühstücksdosen oder Überbleibsel aus deren Inhalt wie Apfelreste oder halbgegessene Schulbrote, außerdem leere Verpackungen, Quartettkarten, Gummibänder und Krampen, Schulbücher und Hefte und noch vieles mehr. In der Regel entsorgte sie nur die verderblichen Dinge. Alles andere legte sie zurück.
Als sie das Heft hervor gezogen hatte, fiel ein Zettel zu Boden. Vorsichtig bückte sie sich, wobei sie sich am Tisch abstützte, denn sie wurde immer steifer. Als sie den Zettel in den Händen hielt, fiel ihr Blick auf mehrere kreisförmige Flecken, die einen Teil der Buchstaben verwischt und ausgebleicht hatten. Jemand hatte Tränen über der erwachsenen Handschrift vergossen. Mühsam versuchte sie, den Brief zu entziffern und zu verstehen, was er bedeutete.

„Mein lieber Junge! Es fällt mir schwer, Dir diese Zeilen zu schreiben. Aber noch schwerer würde dieser Abschied, wenn Du vor mir stehen würdest. Dein trauriger Blick würde mir das Herz brechen, und Du würdest wissen wollen, warum ich nicht bleiben kann. Ich weiß, es ist für Dich schwer zu verstehen. Du bist noch so jung. Woher sollst Du wissen, wie es ist, wenn man verheiratet ist und Kinder hat, aber die Eltern sich nicht mehr lieben. Mama und ich verstehen uns schon lange nicht mehr. Wir sind keine gute Familie. Ich gehe fort, weit fort. Die Trennung wird für uns alle schwer sein, aber Du wirst sehen: Die Zeit heilt die Wunden. Ich möchte, dass Du weißt, dass es nichts mit Dir zu tun hat, wenn ich Euch verlasse. Wenn ich gehe, kann Mama einen anderen Mann finden und mit ihm glücklicher werden als mit mir. Ich werde aus Deinem Leben verschwinden, um es uns leichter zu machen. Damit Du nicht zwischen uns hin- und hergerissen wirst und wir immer wieder Abschied nehmen müssen. Es ist für uns alle das Beste so. Sei tapfer, mein Großer, ich habe Dich lieb und werde in Gedanken immer bei Dir sein. Dein Papa“.
Maria war fassungslos. War das zu glauben? Da verließ ein Vater sein Kind und schrieb ihm einen Brief?! Drückte sich vor seiner Verantwortung und einem Abschied! Hatte nicht den Mumm in den Knochen, es ihm persönlich zu sagen, und nicht den Anstand, sich weiter um seinen Sohn zu kümmern! Fand, es sei die beste Lösung, wenn er sich davonstahl! Brach alle Brücken hinter sich ab, ohne Rücksicht auf sein ach so geliebtes Kind! Sie war außer sich vor Empörung. Sie sah auf den Umschlag des Heftes: Fabian Küstmann, Klasse 4c, Biologie. Dann blätterte sie in dem Heft. Am Rand hatte der Schüler hier und da Raketen gemalt. Seine Schrift war etwas ungleichmäßig, aber nicht krakelig, sondern eher ordentlich. Manchmal wurde der Platz in der Zeile knapp, dann drängten sich die Buchstaben am Ende, das anscheinend so unerwartet auf ihn zu gekommen war.

Maria war voller Mitgefühl mit dem armen, kleinen Kerl. Sie überlegte weiter, wie sie ihm wohl helfen könnte. Den Vater konnte sie ihm nicht zurück bringen. Sie sah sich die Handschrift an und hatte für einen kurzen Moment die verwegene Idee, diese nachzuahmen und dem Jungen gefälschte Briefe im Namen seines Vaters zu schreiben. Aber das war absurd. Sie wäre dazu gar nicht in der Lage. Weder würde sie die Handschrift noch die Rechtschreibung hinbekommen, geschweige denn, den Ausdruck des Vaters imitieren können. Die Briefe wären unglaubwürdig und Betrug.
Doch dann kam ihr eine andere Idee.
Fabian suchte in seiner Schultasche nach dem Bio-Heft, konnte es aber nicht finden. Auch auf dem Schreibtisch lag es nicht. Dann fiel ihm ein, wie er es in der Schule hastig unter dem Schreibpult verstaute, als sein Sitznachbar Stefan Drusel aus der Pause zurückkehrte. Fabian hatte wieder auf den Brief von Papa gestarrt, als könnte plötzlich auf wundersame Weise etwas anderes darin stehen. Als er wahrnahm, dass Stefan sich näherte, hatte er den Zettel schnell in das Heft geschoben und dieses unter dem Tisch verschwinden lassen. Hausaufgaben hatte er zum Glück in Bio nicht auf. Nächste Woche hätte er sein Heft zurück und, was noch viel wichtiger war, den Abschiedsbrief, den er vor ein paar Tagen vorgefunden hatte.
Seine Mutter hatte mit ihm darüber reden wollen, um ihm die Situation zu erklären, aber er hatte sich die Ohren zugehalten und war in sein Zimmer geflüchtet, wo er sich auf sein Bett warf. Seine Mutter kam ihm nach, setzte sich zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. Doch er schüttelte sie ab und rief mit erstickter Stimme:
„Lass´ mich!“
„Aber Fabian“, sagte die Mutter behutsam.
„Geh´ weg!“, heulte er.
„Fabian“, versuchte sie es erneut.
„Du sollst weg gehen, hab´ ich gesagt!“
Sie zog ihre Hand zurück und verließ langsam und bekümmert das Zimmer. Im Moment kam sie nicht an ihn heran. Im Stillen verfluchte sie ihren Mann, den sie nicht davon hatte überzeugen können, einen anderen Weg zu wählen. Stattdessen hatten sie ein letztes Mal heftig gestritten. Sie vermochte nicht, ihren Mann aufzuhalten. Er ging und hinterließ nur den Brief für Fabian.
Am Wochenende suchte Maria nochmal die Schule auf, dieses Mal nicht zum Putzen. Sie öffnete mit ihrem Generalschlüssel die Türen und ging ins Klassenzimmer der 4c. Als sie an Fabians Platz ankam, öffnete sie ihre Tasche und entnahm ihr ein Päckchen, das in braunes Packpapier eingeschlagen war. Dieses legte sie unter den Tisch des verlassenen Schülers.

Am Montag entdeckte Fabian es auf der Suche nach seinem Heft. Er wunderte sich. Wo kam das denn her? Er drehte und wendete es und sah auf der Rückseite in Bleistift fast unsichtbar seinen Namen in Blockschrift geschrieben. Ohne Zweifel: es war für ihn gedacht. Aber von wem und warum? Sein Geburtstag war noch lange nicht. War es überhaupt ein Geschenk? Was konnte es sein? Obwohl er sehr neugierig war, zögerte er, das Päckchen zu öffnen. Er beschloss, damit bis nach Schulschluss zu warten. Auf dem Nachhauseweg konnte er die Spannung kaum noch aushalten und beschleunigte seinen Schritt. Daheim angekommen, behauptete er, ihm sei ein wenig übel und er habe keinen Appetit. Dann verkrümelte er sich in sein Zimmer.
Seine Mutter ließ ihn gewähren, weil sie sich denken konnte, wie schwer es für ihren Sohn sein musste. Sie musste ihm etwas Zeit lassen, alles zu verdauen. Wenn sie ihn jetzt zu etwas zwingen würde, machte sie es nur noch schlimmer für ihn. Fabian setzte sich auf sein Bett und holte das Päckchen hervor. Er pulte es auf und zum Vorschein kam eine Verpackung, auf der eine Rakete abgebildet war. Doch die Verpackung war leer. Bis auf einen Zettel, auf dem stand:
START IN 14 TAGEN.
Was hatte das zu bedeuten? Er konnte sich keinen Reim darauf machen, fand das ganze jedoch ungemein spannend.
Am Dienstag fand er unter seinem Schreibpult ein weiteres, sehr viel kleineres Päckchen. Als er es zu Hause voller Ungeduld öffnete, fand er ein Triebwerk darin. Er begriff, dass die Rakete wie ein Puzzle zusammenzusetzen war. Er machte einen Stern in seinen Kalender, um den Tag des Baubeginns zu markieren. Von da an konnte er es kaum erwarten, in die Schule zu gehen, um das nächste Bauteil zu finden. Am Wochenende fieberte er dem Montag entgegen. Auch ohne eine Anleitung gelang es ihm, die Rakete Stück für Stück zusammen zu fügen. Er orientierte sich an der Abbildung auf der Verpackung.
Seiner Mutter fiel eine Veränderung an ihrem Sohn auf. Sie konnte es nicht benennen, aber irgendetwas ging in ihm vor. Er wirkte beschäftigt, konzentriert und weniger traurig, obwohl er immer noch sehr schweigsam war. Sie meinte, eine Entschlossenheit und Zielstrebigkeit an ihm zu bemerken, die ungewohnt war.
14 Tage später war die Rakete fertig. Sie sah wunderschön aus, stand stolz und aufrecht und zeigte himmelwärts.
Am Tag darauf fand er ein letztes, längliches Päckchen, darin eine Rolle Smarties und ein Zettel mit der Nachricht: WELTRAUM-NARUNG. SPASAM SEIN, GUT EINTEILEN. WEG IST WEIT. DU FIL ALLEIN. ABER FLIGST DU ZU STERNE UNT BIST GROSSE ENDEKER. FIL AFOLG BEI MISION! KAUNTDAUN MACHE JETZ.

Fabian saß auf seinem Bett und betrachtete andächtig die Rakete, die er ohne fremde Hilfe zusammengebaut hatte. Er war stolz auf seine Leistung. Wäre sein Vater da gewesen, hätten sie die Rakete bestimmt gemeinsam gebaut. Doch nun war es allein sein Verdienst. Und er konnte für sich selbst bestimmen, wohin die Reise gehen sollte. Er öffnete die Rolle Smarties und ließ einen auf seine Hand gleiten, er war blau. Wie der Himmel, dachte Fabian, und steckte ihn in den Mund. Dort ließ er ihn auf der Zunge zergehen und überlegte sich sein erstes Ziel. Zum Mond wollte er nicht, das war ihm zu naheliegend, und außerdem er wäre nicht der erste Mensch, der den Mond betritt. Er wollte viel weiter reisen, fremde Planeten erforschen, vielleicht sogar eine ganze Galaxie durchqueren. Und so machte er sich auf, zum größten Abenteuer seines Lebens.
Er malte ein Bild in bunten Farben mit fremden Lebewesen in sonderbaren Welten. Dieses faltete er zusammen und legte es in der Schule unter seinen Tisch. Am nächsten Tag war es verschwunden.

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