Amazon: Jetzt will ich auch einmal

Ich hatte kaum noch zu hoffen gewagt, mal einen Bericht zum Thema Literatur und Amazon zu lesen, der über „Amazon ist der Teufel!“ hinausgeht. Doch dann habe ich folgenden Artikel gefunden, der mir sehr gefallen hat, da er mehr die Frage thematisiert „Wie soll es weitergehen?“, als dass er wie sonst üblich lamentiert „Früher war alles besser!“ Die Einleitung beginnt wie folgt:

Nimm doch mal wieder das Pferd!

Ein Mann, der mir sagt, ich solle doch mal wieder in meiner örtlichen Buchhandlung einkaufen, um Amazons Monopolstellung zu untergraben, kommt mir vor, wie ein viktorianischer Zeitgenosse, der seinen Mitmenschen empfiehlt, doch mal wieder das Pferd zu satteln, um den Vormarsch der stinkenden und lärmenden Automobile zu verhindern. […]

Jan Ulrich Hasecke
http://www.sudelbuch.de/2014/nimm-doch-mal-wieder-das-pferd

Ich frage mich nämlich häufig, ob die ganze Diskussion um Amazon nicht eigentlich ein Scheingefecht ist und von den wirklichen Fragen ablenkt. Gibt man Amazon nicht eigentlich eine viel größere Bedeutung, als es gerechtfertigt ist?

Da in der Diskussion leider häufig eine Wagenburgmentalität herrscht, möchte ich betonen, dass ich auch vieles sehr kritisch sehe. Insbesondere Amazons Quasimonopol. Monopole sind nie gut; weder privatwirtschaftliche noch staatliche. Ohne Vielfalt gibt es mit der Zeit nur noch Stillstand und darauf folgt der Tod. Auch das Geschäftsgebaren ist nicht gerade von Feinfühligkeit geprägt. Natürlich ist Amazon ein knallharter nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten durchoptimierter Globalplayer. Aber die momentane Aufregung der Großverlage und etlicher prominenter Autoren löst bei mir eine seltsame Irritation aus. Ja, der globale Kapitalismus ist ein großes gefährliches Raubtier. Aber glauben denn die selbsternannten Vertreter gehobener Kultur wirklich, sie wären die einzigen, die mit den Problemen einer ungezügelten Globalisierung am Kämpfen wären?

„Guten Morgen, haben Sie gut geschlafen? Willkommen im 21. Jahrhundert!“ Seit über zwanzig Jahren tobt weltweit ein erbitterter Kampf zwischen den alten und neuen Volkswirtschaften. Komplette Branchen sind verschwunden und andere entstanden. Viele Machtverhältnisse werden neu ausgewürfelt. Mit den Menschen ist dabei nie gut umgegangen worden. Da ist Amazons Verhalten nicht anders als das von anderen global agierenden Konzernen. Das macht es nicht besser, aber auch nicht schlechter. Klar, kann und soll man immer wieder auf schlechte Zustände aufmerksam machen und für deren Verbesserung kämpfen. Aber das ist kein Thema, das speziell mit Amazon zu tun hat.

Der Umgang mit den eigenen Mitarbeitern wird immer wieder angeführt. Aber ist Amazon da wirklich der richtige Ansprechpartner? Ich dachte bisher, dass zumindest bei uns in Deutschland das Arbeitsrecht durch die Politik bestimmt wird. Und ob Mitarbeiter bei Amazon nach dem Tarif der Logistikbranche oder nach dem des Einzelhandels bezahlt werden, nun, das sind die klassischen Probleme des gewerkschaftlichen Kampfes. Wenn es den Kulturschaffenden wirklich so um das Wohl der Mitarbeiter geht, warum engagieren sie sich dann nicht stärker gewerkschaftlich und politisch? Den Amazon-Mitarbeitern geht es da nicht schlechter als vielen anderen Menschen im unteren Lohnsektor. Die Gewerkschaften wären bestimmt nicht böse, prominente Unterstützung zu bekommen. Ich würde es ihnen gönnen.

Aber da müsste man sich ja mal mit den realen Lebensbedingungen der Menschen auseinandersetzen. Schon Brecht hat in seinem Stück „Galileo Galilei“ die Frage der Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft thematisiert. Dieselbe Frage nach der eigenen Verantwortung könnten sich auch in diesem Fall die gehobenen Kulturschaffenden stellen, anstatt sich von Verlagskonzernen instrumentalisieren zu lassen. Stattdessen dreht man sich um den eigenen Bauchnabel und jammert, wie brutal Amazon doch sei. Oder geht es da doch nur um eigene Besitzstandswahrung? Es ist ja nicht so, dass die großen global operierenden Verlagshäuser, für die die prominenten Autoren Partei ergreifen, unschuldige Lämmer seien. Da ist jetzt nur ein Raubtier aufgetaucht, das noch größer ist und noch schärfere Zähne hat. Aber daraus den Untergang des Abendlandes zu konstruieren, halte ich für gewagt.

Meiner Meinung nach passieren die wirklich spannenden kulturellen Entwicklungen eh nicht in den gut etablierten Literaturzirkeln. Vielleicht bin ich aber auch einfach ein zu ungehobelter Klotz. Mit dem literarischen Quartett konnte ich noch nie etwas anfangen. Das war eine Welt, die sich mir nie erschlossen hat. Seitdem ich aber auf so komisches Zeug wie virtuellen Lesungen von seltsamen Freaks im Internet gestoßen bin, habe ich auf einmal festgestellt, was es für unterschiedliche, bunte, kreative Literaturschaffende gibt. Vorher habe ich mich nie für Literatur und Lesungen interessiert. Inzwischen übe ich mich selber im Schreiben und besuche auch reale Lesungen in kleinen Buchhandlungen und Kulturhäusern. Hier habe ich auf einmal das Gefühl: „Ja, da passiert etwas.“ Hier geht es um Themen, die mich bewegen. Hier spüre ich Emotionen. Hier wird diskutiert, gekämpft. Es gibt noch keine fertige Meinung, die dem Publikum verkündet wird. Es geht emotional zu. Mal möchte ich sagen: „Ja, genauso ist es, endlich sagt das mal wer!“ Mal will ich schreien: „Was für ein Schwachsinn, wie kann man nur so bescheuert sein!“ Das alles löst bei mir etwas aus. Es ist Leben und Entwicklung vorhanden. Das ist Kultur für mich.

Wo ist der Zusammenhang zu dem Ausgangspunkt, nämlich dem Kampf von Amazon und den großen Verlagshäusern? Den gibt es nicht. Und genau das ist der Punkt! Die Verlage agieren verständlicherweise auch nur rein markwirtschaftlich und die Firma Amazon wird die Autoren nur solange hofieren, bis sie die Verlagsbranche niedergerungen hat. Für mich persönlich ist das ein Kampf, den ich mir aus der Entfernung anschaue, der aber eigentlich für mich wenig Bedeutung hat, da ich die wirkliche Keimzelle für Kultur, ganz woanders sehe.

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2 Antworten auf Amazon: Jetzt will ich auch einmal

  1. Hervorragende Analyse des Konflikts zwischen einigen Erfolgsautoren bzw. ihren Verlagen und Amazon.

    • Vielen Dank, mir sind die meisten Statements zum Thema Amazon irgendwie zu einseitig und irgendwie geht die momentane Diskussion so etwas an meiner eigenen persöhnlichen Lebenswirklichkeit vorbei.

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