Gastbeitrag: Feuer und Flamme für Flüchtlinge

Heute habe ich einen Gastbeitrag von meiner Bekannten Sonja. Ihr Text hat mich sehr berührt und ich habe mich gefreut, dass ich ihn hier veröffentlichen darf. Er ist auch als PDF unter der Kategorie Lesestoff zum Downloaden. Vielen Dank Sonja!

Feuer und Flamme für Flüchtlinge

Lange und ausgiebig habe ich mich mit mir selbst beschäftigt. Das war sinnvoll, um nach einer schlimmen Depression wieder zu Kräften zu kommen. Nun ist es an der Zeit, an diejenigen zu denken, denen es an weitaus mehr fehlt als mir. Menschen, deren Lage tatsächlich dramatisch ist, die wirklich ganz andere Probleme haben als ich, nämlich existentielle. Sie sind physisch bestimmt noch viel erschöpfter, als ich es war, und vermutlich auch verzweifelter. Auch sie haben einen sehr langen Weg hinter sich, waren monatelang zielstrebig unterwegs, ohne genau zu wissen, wo sie endlich zur Ruhe kommen, Frieden finden und ihre Akkus wieder aufladen können. Ich spreche von der Flüchtlingsproblematik.

Auch wenn ich eben einen Vergleich zwischen meinem Leidensweg und dem der Flüchtlinge gezogen habe, bitte ich, mich nicht miss zu verstehen, denn ich finde Vergleiche individueller Not unzulässig. Sonst dürfte eine Mutter nicht um den Tod ihres Kindes trauern, nur weil eine andere vielleicht ihre ganze Familie verloren hat. Es geht mir um die Identifikation, um unseren Bezug zu Schmerz, Trauer und Verzweiflung eines anderen Menschen, also um Mitgefühl. Ich fühle mich verbunden mit der Not der anderen und wünsche mir, dass auch sie die notwenige Unterstützung bekommen. Mitmenschlichkeit ist gefragt.

Weder Feindseligkeit noch Begeisterung erscheinen mir angemessen. Das Verhalten meiner Landsleute gibt mir Rätsel auf. Ob sie nun Flüchtlingsunterkünfte anzünden oder Spalier stehen und Fähnchen schwenkend den Ankommenden zujubeln. Auf die eine oder andere Weise, aber in krassem Gegensatz zueinander, sind ganz viele Feuer und Flamme für die Flüchtlinge. Ich hingegen stehe ratlos zwischen den Fronten und habe massenhaft Fragezeichen im Gesicht. Ich zähle meine Fragen lieber nicht alle auf. Es sind so viele und es wäre eine Zumutung, euch mit ihnen zu bombardieren, zumal ich selber keine Antworten parat habe, schon gar keine einfachen. Die eine große Frage hinter den vielen lautet: Wie soll es weiter-gehen?

Wenn wir Decken, Getränke und Schokolade an die an- und einreisenden Flüchtlinge verteilen, mag dies ein netter Anfang sein, aber es wird zur deren Versorgung nicht ausreichen. Es gibt vielen ein gutes Gefühl, sie freundlich und persönlich mit offenen Armen zu empfangen, aber noch wichtiger ist, dass es uns langfristig ernst ist mit dem Hilfsangebot und es sich nicht als Strohfeuer entpuppt. Ich bin – angenehm – überrascht über so viel Engagement. Vielleicht ist es einem brachliegenden Teil unseres „Human-Kapitals“ zu verdanken, der auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt, zum Teil sogar unerwünscht ist. Unser soziales Gewissen ist oftmals zu einem elenden Schattendasein gezwungen und wartet möglicherweise geradezu auf eine Gelegenheit, ans Tageslicht kommen zu dürfen.

Mit den Lampedusa-Flüchtlingen fing es an. Mit der Zahl derer, die in überfüllten Booten und unter Lebensgefahr das Mittelmeer zu überqueren versuchten, wuchs unsere Betroffenheit zu Solidarität heran. Hoffentlich hält unser Mitgefühl an und ist belastbar. Hoffentlich sind wir bereit, in Zeiten von „Geiz ist geil“ sogar einen hohen Preis für Barmherzigkeit zu bezahlen. Und ich hoffe, nein: ich bete für die innere Sicherheit. Denn auch, wenn erstaunlich viele sich sozial und weltoffen zeigen, die anderen gibt es auch noch. Schon lange vor Zuspitzung der Lage gab es eine weitverbreitete Angst vor Überfremdung, Asylmissbrauch und Islamisierung. An fast jeder Ecke wurde ich Zeuge von Unterhaltungen in Stammtisch-Manier, in denen sich Mitbürger ohne Migrationshintergrund noch nicht einmal hinter vorgehaltener Hand das Maul zerrissen über Ausländer, das sinkende Bildungsniveau, die steigende Kriminalität, die angeblich unüberbrückbaren kulturellen Unterschiede oder gar minderwertigen genetischen Veranlagungen. Mitbürger, die mit abschätzigen und missbilligenden Blicken jeden taxierten, der fremd aussah. Wutbürger, deren Kräfte jetzt gesammelt werden. Die nächsten Wahlen werden zeigen, wie erfolgreich die Rechtspopulisten auf Stimmenfang gehen. Wir werden uns sehr anstrengen müssen, um diese Kräfte in Schach zu halten und dafür zu sorgen, dass der Zusammenhalt nicht zerbricht und es zu einer Völkerwanderung nach Rechts kommt.

Angela Merkel traut uns allerhand zu. „Wir schaffen das!“ Ja, das deutsche Volk ist ein besonders tüchtiges. Nach der Wiedervereinigung und der Energiewende sehen wir uns dem nächsten ehrgeizigen Ziel gegenüber, einer Herkules-Aufgabe, die unsere Grenzen auslotet. Mit unserem freundlichen Gesicht, das wir der Welt zeigen möchten, haben wir uns allerdings auch jede Menge Probleme angelacht. Mehr noch als gute Propaganda mit markigen Worten und rührenden Gesten brauchen wir allerdings eine wirklich starke Gesellschaft mit breiten Schultern, die stark genug ist für diese Belastungsprobe. Wie groß ist unsere Bereitschaft, kaum Kosten und Mühen zu scheuen, um die Herausforderung zu meistern? Ich hoffe inständig, dass wir uns nicht überanstrengen und alles mit einem Burnout endet. Ich weiß, wovon ich spreche.

Die Flüchtlingsfrage polarisiert noch mehr als die Bewerbung Hamburgs mit dem Slogan „Feuer und Flamme“ für die Olympischen Spiele 2024. Die Befürworter und Gegner haben in ihren Schützengräben der Gesinnung Stellung bezogen, schießen in Wortgefechten scharf auf Gemeinplätze. Manche Brandsätze fliegen, denn unter den Gegnern sind nicht nur geistige Brandstifter. Einige zu viele, die sich nicht mit Parolen zufriedengeben, sondern zur Straf-Tat schreiten. Die Verantwortlichen müssten doch zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Frage nach der Verantwortung ist größer als uns lieb ist. Denn wir hängen da mit drin. Deutsche Waffen-Exporte tragen ihren Teil zur Krise bei. Wie ist das möglich, werden einige sich wundern? Die Rüstungsindustrie verkauft doch ihre Waffen immer nur an die Guten. Allerdings gelangen diese dann durch irgendeinen schmutzigen Trick wie durch Zauberei auch in die falschen Hände. Dabei schaut die Öffentlichkeit den Akteuren doch immer ganz genau auf die Finger, doch der Trick bleibt undurchschaubar.
Auch schwer zu verstehen, mit welcher Methode Kriege zukünftig am besten verhindert werden können. Naiv scheinen mir diejenigen , die an die abschreckende Wirkung von Waffen glauben, wenn sie davon ausgehen, dass die abschreckende Wirkung ohne deren Benutzung funktioniert.

Auch beim Thema Rüstungsgüter macht Deutschland nebenbei bemerkt von sich reden. Leistung zahlt sich eben aus. Und das Qualitätssiegel „Made in Germany“ steht bei deutschen Waffen für besondere Treffsicherheit – mal abgesehen von einem einzigen Sturmgewehr, der Ausnahme von der Regel.
Die Kollateralschäden werden von der Waffenlobby vernünftigerweise nicht mit einkalkuliert. Die Milchmädchenrechnung wird an die Zivilgesellschaft durchge-reicht.

Es erinnert ein wenig an die Finanzkrise, wo auch andere für die Zeche aufkommen müssen. So funktioniert das System der freien Marktwirtschaft nun mal. Um diese und andere Freiheiten geht es bei der Verteidigung westlicher Werte fern der schönen Heimat. Zum Glück haben auch wir einen Gott auf unserer Seite oder wenigstens den festen Glauben an die Überlegenheit unserer westlichen Zivilisation und darüber hinaus Verbündete sowie Drohnen, die uns die schmutzige Arbeit abnehmen können, damit das Gute woanders siegen kann.

Dass die Betroffenen aus den Krisen- und Kriegsgebieten so zahlreich vor der Gewalt Reißaus nehmen, sich auf den Weg ausgerechnet zu uns machen und plötzlich tatsächlich vor unserer Haustür stehen, wurde bei der Beschwörung der Globalisierung nicht eingeplant. Deshalb brauchen wir jetzt dringend einen Plan B, und zwar für uns alle.

Die Frage nach den Einzelschicksalen darf in der Masse nicht untergehen. Was das für Menschen sind, was sie erlebt und erlitten und was sie sich davon versprochen haben, hier Zuflucht zu suchen. Vielleicht sind manche naiv in ihren Erwartungen gewesen und haben Bilder von ihren Zielen im Kopf, die zu schön sind, um wahr zu sein. Angst und Enttäuschung in allen Lagern. Je länger die Schlange derer ist, die noch kommen wollen, desto schwieriger wird es. Ich bin besorgt, was geschieht, wenn Wünsche zerplatzen, Bedürfnisse auf der Strecke bleiben und Neid und Frust zunehmen. Sowohl in den Lagern als auch bei den Leuten von der Straße.

Aber ich habe auch die Hoffnung, dass die Menschlichkeit ungeahnte Kräfte freisetzt und wir dem Tsunami gewachsen sind, der in erster Linie für die Flüchtlinge selbst eine Katastrophe ist.

Sonja Alphonso
(Sonja.Alphonso@geschichtenkorb.de)

Dieser Beitrag wurde unter Allgemeines veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>