Antologie: Endlich Zeit

Anfang des Jahres hatte ich an dem Schreibwettbewerb “Zeit für Dich – Zeit zum Schreiben” der Deutschen Bahn und der Süddeutschen Zeitung teilgenommen. Aus den Beiträgen der 10 bestplazierten Geschichten wurde dann eine Antologie zusammengestellt. Da es mir vergönnt war unter diesen zu sein, ist mein Beitrag “Zwischenstop” dort enthalten. Diese Antologie gibt es allerdings nicht zu kaufen, sondern soll in der Bahn ausgelegt werden. Wer also in näher Zeit mal mit der Bahn unterwegs ist, kann vielleicht diese Antologie finden. Mein Beitrag kann aber auch hier und als PDF im Bereich Lesestoff dieses Blogs gelesen werden.

Antologie: Endlich Zeit
Quelle: DB Fernverkehr AG

Zwischenstop
Wilfried.Abels@geschichtenkorb.de

Hans schloss die Augen und stützte sich an der Wand im Gang des leise vibrierenden ICE ab. Lähmende Müdigkeit dröhnte in seinem Kopf. Er öffnete die Augen und ging weiter. Vor den Fenstern rauschte tiefe Nacht vorbei. Er war so müde. Die gläserne Tür zum Großraumabteil öffnete sich mit kühler Perfektion. Keine Menschenseele war zu sehen. Er schritt über den sterilen in gedeckten Businessfarben gehaltenen Teppich und ließ sich in eine der Vierersitzgruppen sinken. Draußen huschten vereinzelte Lichter durch die Dunkelheit. Erneut schloss er die Augen. Geradezu schmerzhaft drückte sein Schädel. Doch er fand keine Ruhe. Hinter seinen Lidern drehte es sich hektisch. Er stand auf und zog das Jackett seines Anzuges aus. Er legte es ordentlich gefaltet auf den Platz neben sich. Erneut versuchte er zu dösen. Doch es half nichts. Er konnte keinen Schlaf finden.

„Urlaub!“, schrie alles in ihm. Er war am Ende seiner Kräfte. Wann hatte er das letzte Mal Urlaub gemacht? Er wusste es nicht. Doch er musste weiter. Es gab so viel zu tun. Er schreckte auf. Unsicher setzte er sich gerade hin und rieb sich die Augen. Schräg gegenüber saß eine junge Punkerin. Hans verkrampfte sich und musterte sie unauffällig. Die hatte ihm gerade noch gefehlt. Wie sie schon aussah. Ihre Haare waren knallpink gefärbt. Ein mit Nieten besetztes Hundehalsband verzierte ihren Hals. Der Ausschnitt ihres zerschlissenen Pullovers hing über ihre nackte Schulter und entblößte den roten Träger ihres BHs. Hans runzelte die Stirn. Ihr schwarzer Minirock und die zerrissene Strumpfhose, die in irgendwelchen ausgetretenen Armeestiefeln steckten, verbesserten den Eindruck in seinen Augen nicht gerade. Warum musste sich diese Göre unbedingt zu ihm setzten? Der Wagon war doch komplett leer. Er schaute aus dem Fenster und versuchte sie zu ignorieren.
„Wo soll deine Reise hin gehen?“, fragte sie auf einmal. Er drehte sich deutlich genervt zu ihr, schaute sie einen Moment an und dreht sich wieder schweigend zum Fenster. Eine kurze Pause entstand. Dann fuhr sie unbeirrt fort:

„Wo kommst du denn her?“
Konnte sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Sein Kopf dröhnte schon genug. Er wollte einfach nur Ruhe haben. Ruhe und Schlaf. Mehr wollte er gar nicht. Das war doch nicht zu viel verlangt. Er holte Luft und antwortete mit unterdrücktem Ärger:
„Ich bin nicht an Konversation interessiert.“
Sie nickte, schaute ihn dabei durchdringend an.
„Mach dich locker! Hier gibt es eh nichts zu tun. Genieß die Fahrt!“
Zorn stieg in ihm auf.
„Was wissen Sie denn schon von mir? Nicht jeder kann sich gedankenlos durchs Leben treiben lassen.“
Sie schaute ihn an und fragte mit ernsthaft interessiertem Blick:
„Was musst du denn tun?“

Er holte tief Luft. Seine Hände begannen zu zittern. Warum zum Teufel sollte er mit dieser Tussi reden? Ihr gegenüber würde er bestimmt keine Rechenschaft ablegen! Mit letzter Kraft behielt er seine Selbstbeherrschung:
„Junge Frau, ich glaube kaum, dass mein Leben Sie etwas angeht!“
Ein Lächeln zog über ihr Gesicht und ihre Augen bohrten sich in die seinen.
„Weißt du denn, wie es um dein Leben steht?“
Ein Felsbrocken drückte auf seinen Brustkorb. Nur unter Anstrengungen bekam er Luft.
„Lassen Sie mich einfach in Ruhe! Verdammt! Ich will doch nur meine Ruhe, nichts weiter.“
„Dann nimm sie dir doch. Wer hindert dich daran?“
Mit schmerzverzerrtem Gesicht lachte er auf.
„Ich habe Verantwortung. Ich kann diese nicht einfach ablegen, nur weil mir da-nach ist. Menschen hängen von mir ab. Aber das wirst du nie verstehen. Nur immer schön entspannt sein. Irgendjemand wird sich schon darum kümmern, dass die Kippen und das nächste Bier gesichert sind. Ist es nicht so?“
Sie hörte sich seinen Redeschwall ruhig an. Sie schaute amüsiert mit leuchtend blauen Augen. Nach ein paar Sekunden wurde ihm sein Wutausbruch peinlich. Normalerweise passierte es ihm nie, so die Beherrschung zu verlieren. Er war stolz darauf, auch in den verfahrensten Situationen sachlich und höflich zu bleiben.
Sachlichkeit und Höflichkeit, das waren zwei Tugenden, die er sein Leben lang versucht hatte zu wahren. Doch diese Punkerin schien durch jede seiner Fassaden hindurch zu schauen. Wie ein offenes Buch schien seine Seele vor ihr offen zu liegen. Er bekam Angst und fühlte sich nackt.
„Du musst nicht mit mir reden“, setzte sie langsam und ernst an.
„Doch du kannst es, wenn du willst. Du hast alle Zeit der Welt. Nimm dir so viel du brauchst. Aber denk noch einmal darüber nach, wo du herkommst.“

Er war verwirrt. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Was war das nur für eine Reise? Dann fiel ihm auf, dass er nicht wusste, wie er in den Zug gekommen war. Auch sein Ziel kannte er nicht. Sein Puls beschleunigte sich. Mit beiden Händen hielt er sich krampfhaft an den Lehnen seines Sitzes fest.
„Wo bin ich?“, stammelte er verwirrt.
„Versuch dich zu erinnern.“
Er dachte nach. Dann blitzten Bilder in ihm auf. Die Szene einer Vorstandssitzung erschien vor seinem inneren Auge. Seine Firma war in einer schwierigen Phase. Die Märkte veränderten sich. Er wusste, dass Investitionen notwendig waren und Entscheidungen gefällt werden mussten.
„Es ist alles so schwierig“, stöhnte er.
„Ist es das?“, fragte sie.
Tief in seinem Inneren spürte er Unsicherheit. Früher, da war das anders. Da wusste er intuitiv, was der richtige Weg war. Aus dem Nichts hatte er seine Firma aufgebaut und zum Weltmarktführer in ihrem Segment gemacht. Erfolgreich hatte er sie durch viele Stürme geführt. Durch jede Krise war sie stärker und erfolgreicher geworden. Doch die letzten Jahre hatte er diese Sicherheit verloren.
„Ich will nicht, dass alles, was ich aufgebaut habe, verloren geht“, antwortete er müde.
Noch immer beobachtete sie ihn mit diesen intensiven Augen.
„Es steht so viel auf dem Spiel!“, stöhnte er.
Er kannte alle seine Angestellten persönlich. Er kannte deren Familien. Seine Firma war eine der wenigen noch übrig gebliebenen Arbeitgeber in der Region. Von seinen Steuern und Spenden war nicht nur eine Schule renoviert worden. Sie schwieg mitfühlend. Tränen bildeten sich in seinen Augen. Seit seiner Kindheit hatte er nicht mehr geweint.

Und dann erinnerte er sich. Er saß an dem dunklen aus Mahagoniholz gefertigten Schreibtisch, den er von seinem Vater geerbt hatte. Er blätterte sorgenvoll die Bilanzen des letzten Quartals durch. Dann der stechende Schmerz in der Schulter und fürchterliche Atemnot. Als nächstes schaute er von oben auf sich herab und sah Sanitäter neben seinem Körper. Alles schien von innen heraus zu leuchten. Er schreckte hoch. Seine Begleiterin hatte sich zu ihm hin gebeugt und hielt seine Hände in den ihren. Beruhigend sprach sie:
„Es ist alles gut.“ Er schaute sie an. Ihr abgerissenes Äußeres störte ihn nicht mehr. Zu aufgewühlt war er.
„Aber, was soll denn jetzt werden?“
„Hans, habe Vertrauen. Du bist nicht alleine.“
Sie deutete auf das Fenster, wo jetzt Nebel waberte. Dann entstand ein Bild. Er sah Margarete, seine Frau. Sie saß schwarz gekleidet und mit hochgesteckten weißen Haaren am Kopf des ovalen Konferenztisches. Mit geradem Rücken schaute sie umher. Rechts und links neben ihr saßen Julia und Thomas, seine beiden Kinder. Ein trauriges Lächeln zog über sein Gesicht. Er konnte nicht hören, worüber sie sich unterhielten. Eine angespannte, aber gefasste Atmosphäre lag über der Szene. Dann verlor sich alles wieder im Nebel.
„Deine Familie ist stärker als du denkst. Lass sie los. Es ist Zeit zu gehen.“
Sie stand auf und hielt ihm die Hand hin. Dankbar ergriff er diese und erhob sich zitternd. Sie führte ihn aus dem Wagon heraus. Als sie die Tür erreichten, wusste er, dass der Zug angehalten hatte. Sie drückte den Knopf zum Öffnen und mit einem leisen Zischen glitt die Tür zur Seite. Eine neblige Welt lag vor ihm. Sie tat einen Schritt nach draußen und schien in der Luft zu schweben. Ein weißes Leuchten umspielte ihren Körper. Sie lächelte beruhigend.
„Deine Reise ist zu Ende. Du kannst dich ausruhen.“
Tief in seinem Inneren erkannte er die Wahrheit ihrer Worte und trat hinaus. Aller Schmerz fiel von ihm ab. Freude und Ruhe durchflutete ihn, als er in ein helles warmes Licht hineingezogen wurde.

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